Die Wüste ist grün. Es mangelt ihr ja auch nicht an Wasser. Pflanzen wachsen hier dicht gedrängt und normalerweise macht ihnen eher zu viel Regen zu schaffen als anhaltende Trockenheit. Kein Zweifel: Aus der Sicht heimischer Insekten sieht die Welt ganz anders aus. Entsprechend verlangte Dr. Ralph Büchler von seinem Publikum im Hörsaal des Strahlenzentrums am Dienstag vor allem die Bereitschaft zum Wechsel der Perspektive. »Bienensterben, Insektensterben – Kann es gestoppt werden? Wo liegen die Gefährdungen?«, fragte der Leiter des Bieneninstituts Kirchhain beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen auf Einladung der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.

»Ob wir das Insektensterben aufhalten können, weiß ich nicht«, gestand er gleich zu Beginn. Derzeit sei der Befund jedenfalls dramatisch. So hat der Krefelder Entomologische Verein unlängst gezeigt, dass die Biomasse der fliegenden Insekten binnen 27 Jahren um mehr als 75 Prozent geschrumpft ist. Und während sich einige Autofahrer noch über saubere Windschutzscheiben freuen, sind die Folgen für Bauern bereits dramatisch. Ein Drittel der Nutzpflanzen müsse bestäubt werden, 9,5 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion hingen davon ab, rechnete der Biologe vor: »Wir stehen am Abgrund.«

Unter den unverzichtbaren Helfern gibt es hierzulande allein 560 Bienenarten. Sie alle kämpften gegen ähnliche Probleme. Monokulturen würden größer und größer, Hecken, Sträucher und Blütenpflanzen vielerorts immer seltener, sagte Büchler. Besonders Wildbienen fänden deshalb oft wenig Nahrung, zumal ihr Aktionsradius auf 50 bis 200 Meter um das Nest herum beschränkt sei. Honigbienen fliegen zwar deutlich weiter – aber wie ihren wilden Artgenossen geht es auch ihnen zusehends an den Kragen.

Nahrungsmangel ist dabei nur ein Problem. Hinzukommen Parasiten wie die Varroamilbe sowie Pflanzenschutzmittel und Umweltgifte. Letztere sind spätestens seit Glyphosat in aller Munde – ihre Wirkung auf Bienen ist allerdings längst nicht klar. Generell seien direkte Vergiftungen wohl die Ausnahme, berichtete Büchler. Größere Sorgen machten da schon Langzeitfolgen. Über Nektar und Pollen, seltener über Wasser nähmen Bienen die Gifte auf, die sich dann in den Völkern anreichern. Laut einschlägiger Studien enthalten heute noch 14 Prozent gar keine Chemikalienrückstände.

Wie Büchler erklärte, haben die Gifte dort »subletale«, also fast tödliche Effekte. Sie schwächen etwa das Immunsystem oder stören den Orientierungssinn. Und manchmal agieren sie sogar als Phantom. Beispiel Neonicotinoide: Diese könne man in Bienenstöcken zwar selten nachweisen, so Büchler. »Wir wissen aber nicht, ob Bienen, die sie fressen, überhaupt noch nach Hause finden.« Der Wissenschaftler kritisierte, dass die Prüfung vieler Mittel unzureichend sei. Die meisten würden ausschließlich an Weibchen getestet, obwohl Männchen viel mehr darunter litten. In anderen Fällen dienten völlig gesunde Völker als Referenz, »wie sie real kaum noch vorkommen«.

Bei alledem gab es zum Schluss auch positive Nachrichten. So haben offenbar immer mehr Menschen Freude an Bienen. Rund 60 000 Bienenvölker leben aktuell in Hessen, gepflegt von knapp 10.000, überwiegend nicht professionellen Imkern. Obwohl diese Zahlen steigen, sieht Büchler Luft nach oben: »Wir hätten gerne das Doppelte«, sagte er und appellierte an die Zuhörer, selbst etwas für Bienen und andere Insekten zu tun.

Keinesfalls gehe es darum, »Bauern an den Pranger zu stellen«. Schließlich könnten neben landwirtschaftlichen Flächen ebenso kommunale und private Gärten Bienen ein Zuhause bieten. »Es muss nicht überall englischer Rasen oder ein Steingarten sein«, meinte Büchler, der intensivere Forschung anmahnte, um die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren. (Foto: dpa)

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