10. März 2017, 19:00 Uhr

Schulverweigerer

Wenn junge Leute keine Lust auf Schule haben

Von der Fehlstunde übers Schulschwänzen bis zur Schulverweigerung ist der Weg mitunter kurz. Die Jugendwerkstatt versucht, auf dem Weg zurück zu helfen.
10. März 2017, 19:00 Uhr
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Von Armin Pfannmüller
Der Hauptschulabschluss ist das Fernziel ehemaliger Schulverweigerer in der Jugendwerkstatt. (Foto: Schepp)

Carla hatte immer wieder Stress mit ihren Eltern und ihrem Freund, kam häufig zu spät zur Schule und hatte in ihrer früheren Klasse Probleme damit, sich auf den Unterrichtsstoff zu konzentrieren. »Ich hatte nur schlechte Noten«, sagt die 16-Jährige. Jetzt steht sie in allen Fächern zwischen eins und zwei, im Sommer macht sie die Hauptschulprüfung, danach möchte sie an der Aliceschule die Fachrichtung Körperpflege und Gesundheit einschlagen und später Kosmetikerin werden.

Den Hauptschulabschluss möchte auch Octay machen. Der 14-Jährige kam als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland und hat mittlerweile drei Schulwechsel hinter sich. Seine bisherige »Karriere« ist geprägt von Schlägereien mit Schülern und Lehrern und Verhaltensauffälligkeiten. »Ich will mich ändern«, kündigt der Jugendliche an, der seit vier Wochen in der Jugendwerkstatt unterrichtet wird und dort regelmäßig in der Holzwerkstatt arbeitet.

Ziel: Aufbau der Tagesstruktur

»Manche Jugendliche brauchen mehr Zeit, um sich zu entwickeln«, bekräftigt Elke Hopf. Die Sozialpädagogin an der Jugendwerkstatt weiß, dass familiäre Gründe und Konflikte an der Schule verantwortlich sind für das Fernbleiben vom Unterricht. »Wir schauen zunächst, ob wir etwas anbieten können, das für die Jugendlichen passt.« Zu den Nahzielen gehört die Stabilisierung der jungen Menschen und der Aufbau einer Tagesstruktur. Fernziel ist das Erreichen eines Schulabschlusses oder die Versetzung in die nächste Klassenstufe. Praktische Erfahrungen sammeln die Jugendlichen, die an drei Tagen pro Woche in Kleingruppen (maximal acht Schüler) von abgeordneten Lehrern, deren Stellen das Staatliche Schulamt zur Verfügung stellt, unterrichtet werden, in der Holz- oder Fahrradwerkstatt, in Küche oder Kaufhaus sowie in der Kreativ-, Textil-, Metall- oder Bauabteilung.

Info

Pädagogik statt Polizei

»So lange wie möglich sollten pädagogische Maßnahmen Vorrang haben vor Ordnungsmaßnahmen«, stellt Volker Karger klar. Der stellvertretende Leiter des Staatlichen Schulamts berichtet zwar auch, dass dauerhafte Fehlzeiten von Schülern mit Bußgeld geahndet werden können, im Vordergrund müsse jedoch der Versuch stehen, Jugendliche wieder zur Teilnahme am Unterricht zu motivieren. Bei besonders gravierenden Fällen werde selbstverständlich auch die Polizei eingeschaltet. Wenn ein Problem oder ein Konflikt in der Schule bemerkt wird, liege es zunächst in der Verantwortung der Schule selbst, die Initiative zu ergreifen. Häufig ersuchten Schulen in solchen Fällen um Unterstützung des schulpsychologischen Dienstes des Schulamts.

In der Fahrradwerkstatt absolviert Chris (alle Namen von der Redaktion geändert) derzeit ein Praktikum. Der Sechstklässler hat weder Probleme mit den Eltern noch mit seinen Lehrern. »Ich habe einfach keine Lust auf Schule und würde gern arbeiten gehen.« Der 14-Jährige beschäftigt sich lieber mit Werkzeug als mit Büchern. Derzeit absolviert er ein Praktikum in der Fahrradwerkstatt und ist glücklich, weil er mit Zange und Schraubenzieher hantieren darf statt im Klassenraum zu sitzen. So viel Motivation hat man bei Paul in den vergangenen Jahren vergeblich gesucht. An der Schule hat er sich regelmäßig geprügelt, wenn er überhaupt dort aufgetaucht ist. »Ich hab immer gedacht: Wofür gehe ich eigentlich zur Schule?«, sagt der 15-Jährige. Seit einem halben Jahr besucht er den Unterricht in der Jugendwerkstatt. »Wenn es keinen Spaß machen würde, wäre ich nicht hier«, stellt er klar und räumt ein, dass er nach wie vor Probleme mit der Pünktlichkeit hat. Kein Problem hat er damit, seinen Berufswunsch zu formulieren. »Ich will Einzelhandelskaufmann werden.« Derzeit absolviert er ein Praktikum bei Rewe.

Angst und Selbstzweifel

Dass es für Jugendliche, die mit schulischen Angeboten nicht mehr erreicht werden können und auf dem Weg zum Berufsabschluss verloren gehen, unterstützende Angebote der öffentlichen Hand gibt, erläutern Stadträtin Astrid Eibelshäuser und die Geschäftsführerin der Jugendwerkstatt, Mirjam Aasman. Unter dem Oberbegriff »Jugend stärken im Quartier«, eine vom Europäischen Sozialfonds für Deutschland ins Leben gerufene Maßnahme, werden die städtischen Schulverweigerer in der Jugendwerkstatt gefördert. Das Fördervolumen der bis 2018 angelegten Maßnahme, die auch niedrigschwellig Angebote zur Beratung und Berufswegeplanung bietet, liegt bei insgesamt 295 000 Euro. »Die Kommune muss den Antrag stellen«, erläutert die Schuldezernentin und berichtet, dass sich die Maßnahme vor allem auf die Nordstadt und die nördliche Weststadt konzentriert. Die Stadt stellt eine halbe Stelle zur Koordinierung des Projekts zur Verfügung, das sie gemeinsam mit der Jugendwerkstatt umsetzt. Eibelshäuser sagt aus Erfahrung, dass bei den Gründen für Schulabsentismus häufig Angst sowie ein geringes Selbstwertgefühl eine Rolle spielen. Parallel zum städtischen Angebot werden durch den Landkreis unter dem Oberbegriff »Die zweite Chance« jährlich sieben bis acht Plätze in der Jugendwerkstatt finanziert.



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