17. Juli 2017, 19:00 Uhr

Baustellenlogistik

Wenn die Planung mehr als die halbe Miete ist

Lange Staus vor Baustellen oder Anwohnerbeschwerden, die die Bauarbeiten lahm legen: Der Gießener Ingenieur Fabian Ruhl will genau das mit kluger Planung vermeiden.
17. Juli 2017, 19:00 Uhr
In den letzten sechs Jahren ist die Frankfurter Altstadt neu entstanden. Fabian Ruhl hat die Baulogistikplanung betreut. (Foto: dpa)

Der in Gießen aufgewachsene Ingenieur Fabian Ruhl ist gefragter Experte für Baustellenlogistik. Warum sein Fach immer wichtiger wird, erklärt er im Interview.

Herr Ruhl, Sie befassen sich mit dem Drumherum von Baustellen. Was macht Ihnen Freude daran?

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Ingenieur Fabian Ruhl. (Foto: pv)

Fabian Ruhl: Mir macht es Freude, wenn ich mit meinen Kindern durch Frankfurt gehe und ihnen an jeder Ecke etwas erzählen kann. Zum Beispiel zur Entstehung des DomRömer-Projekts, das wir in den letzten sechs Jahren betreut haben. Man kann anfassen, was man gemacht hat. Baulogistik ist dabei ein ganz spannendes Feld, eine Herausforderung.

Worum geht es dabei?

Ruhl: Ich spreche gern von Flüssen: Material, Personal, Strom: Alles muss zur Baustelle gelangen, dort verarbeitet werden und – zum Beispiel als Abfall – wieder abfließen. Und das möglichst schnell, leise und günstig.

Die Frage »Wie bauen wir?« ist ein bisschen ein Randthema

Fabian Ruhl

Was kann dabei alles schiefgehen?

Ruhl: Zum Beispiel: Ein Gewerbekomplex wird abgerissen. Die Abbruchgenehmigung liegt vor, und eine Fachfirma wird beauftragt. Dann beschweren sich Anwohner über Lärm und Staub: Die Behörden verhängen einen Baustopp und verlangen zusätzliche Schutzmaßnahmen. Oder: Weil neben einer Baustelle eine Fahrspur gesperrt wurde, entstehen lange Staus. Mittendrin stehen Lastwagen, die genau zu dieser Baustelle Beton bringen sollen, der nun allmählich unbrauchbar wird. Oder: Wir bauen im Uniklinikum in Frankfurt. Da müssen alle Abläufe weiter funktionieren, auch wenn es zu eng ist für eigene Baustraßen.

Der Laie denkt: Logistik muss doch bisher schon bei der Planung von Baustellen berücksichtigt worden sein. Aber Ihr Gebiet gilt als ziemlich neu.

Ruhl: Früher haben sich Baufirmen um diese Fragen mitgekümmert. Aber sie müssen ihre Angebote innerhalb weniger Wochen kalkulieren und können in dieser Zeit die Randbedingungen nicht so detailliert betrachten, wie es nötig ist. Insbesondere ist es in der Kürze der Zeit nahezu unmöglich, noch sinnvolle Veränderungen vorzunehmen. Deshalb betreiben wir Baulogistikplanung. Wir betrachten zum Beispiel auch Nachhaltigkeit. Wie kann man dieses Gebäude in 50 Jahren wieder abreißen? Asbest war in dieser Hinsicht ein Lernthema.

Sie setzen sich dafür ein, dass Baulogistik ernster genommen wird und die Kosten dafür von vornherein berücksichtigt werden. Wo sind die Hindernisse?

Ruhl: Es heißt, die Baubranche in Deutschland sei ein bisschen rückständig bei neuen Technologien. Bundesminister Alexander Dobrindt will digitales Planen und Bauen fördern. In meiner Wahrnehmung steckt dahinter häufig der Einfluss von Softwareherstellern. Das Hauptproblem ist: Sehr gute Architekten stecken viele Gedanken in Bauwerke. Ihr Fokus liegt auf dem Endprodukt. Die Frage »Wie bauen wir?« ist ein bisschen ein Randthema.

Und wie sollte es stattdessen Ihrer Meinung nach laufen?

Ruhl: Es wäre lohnenswert, von Anfang an die Realisierungsphase mit zu bedenken. Schon beim ersten Gespräch sollten Baulogistikplaner mit am Tisch sitzen. Gerade bei innerstädtischen Baustellen muss man früh genug ganz banale Sachen anschauen.

Schon beim ersten Gespräch sollten Baulogistikplaner mit am Tisch sitzen. Gerade bei innerstädtischen Baustellen muss man früh genug ganz banale Sachen anschauen

Fabian Ruhl

Wieso muss das Monate vor dem Baubeginn passieren?

Ruhl: Man spricht zum Beispiel mit der Stadt: Wie stören wir das vorhandene Verkehrssystem möglichst wenig? Wäre eine Einbahnregelung sinnvoll, müssen Bushaltestellen verlegt werden? Haben wir für Lagerflächen oder die Pausenraum-Container Platz auf der Baustelle, oder kommt eine Fläche außerhalb in Frage? Dafür braucht man Zeit und Genehmigungen. Es ist ungünstig, wenn man zu spät merkt, dass man doch noch ein Tor für die Feuerwehr braucht.

Was muss sich ändern, damit Ihre Vorstellungen wahr werden?

Ruhl: An der Stelle ist die öffentliche Hand gefragt. Leider gibt es wenig feste Regularien zur Frage, wie gut sich eine Baustelle in die Umgebung einfügt. Zumeist öffentliche Auftraggeber haben oft zu wenig Mut, nicht einfach den günstigsten Anbieter zu beauftragen, sondern den, der volkswirtschaftlich am sinnvollsten baut. Man spart an der Planung, und am Ende entstehen die Kosten doch. Dies kennt man als Nachträge, die zum Teil zu Recht bei den Steuerzahlern für Unverständnis sorgen. Viele Behörden sind allerdings allmählich auf dem richtigen Weg.

Tragen Pannen oder Kostensteigerungen wie beim Berliner Großflughafen oder bei Stuttgart 21 zu mehr Einsicht bei? Hat es da in Ihren Augen an der Planung gemangelt?

Ruhl: Ich maße mir nicht an, alles besser zu wissen. Es ist nicht einfach, wenn ein Großprojekt 25 Jahre lang durch alle möglichen Genehmigungsrunden geht und fortlaufend alles – zum Teil nach neuen Richtlinien – abgewogen werden muss. Ich glaube aber schon, dass es auch in solchen Fällen der vernünftigen baulogistischen Vorbereitung bedarf. Besonders sinnvoll ist sie in Innenstädten. Und solche Baustellen werden wir immer häufiger bekommen.

Zumeist öffentliche Auftraggeber haben oft zu wenig Mut, nicht einfach den günstigsten Anbieter zu beauftragen, sondern den, der volkswirtschaftlich am sinnvollsten baut

Fabian Ruhl

Warum?

Ruhl: Weil die Nachkriegsbauten in die Jahre kommen. Zum Teil reicht eine Modernisierung nicht mehr aus. Baustellen mitten in der Stadt dürfen die Umgebung möglichst wenig beeinträchtigen, zugleich gibt es dort meistens sehr wenig Platz.

Neben Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführer beim Ingenieurbüro Krebs + Kiefer in Darmstadt engagieren Sie sich auch in der Lehre. Gerade haben Sie eine Vorlesung hier in Gießen an der Technischen Hochschule gehalten. Was wollen Sie weitergeben?

Ruhl: Ich möchte Studierenden und angehenden Ingenieuren vermitteln: Es geht beim Bauen nicht nur um das Endprodukt. Ich kann hoffentlich ein bisschen beeinflussen, was in dem Bereich gerade in Deutschland passiert. Die Lehre macht an den innovativen Hochschulen, die diesen Ansatz verstanden haben, macht Spaß und hebt die Studentinnen und Studenten vom vielfach gelernten Einheitsbrei ab. Das ist meine Motivation.

Info

Zur Person: Fabian Ruhl

Der Bauingenieur Dr. Fabian Ruhl (37) ist seit 15 Jahren für das Ingenieurbüro Krebs + Kiefer in Darmstadt tätig. Seit Beginn dieses Jahres ist er dort Geschäftsführer der Sparte Baumanagement. Betreut hat er unter anderem den Bau der drittgrößten Moschee der Welt in Algier, das DomRömer-Areal in Frankfurt oder den noch laufenden Neubau des Teilchenbeschleunigers FAIR in Darmstadt. Der verheiratete Vater zweier Töchter ist in Gießen aufgewachsen und wurde vor allem als Handballtorwart bekannt. Er spielte erfolgreich beim TV 05/07 Hüttenberg und war Jugendnationalspieler. Zu Gießen hat er nach wie vor enge Verbindungen: Er besucht regelmäßig seine Mutter, informiert sich über das Tagesgeschehen und ist auch beruflich immer wieder in der Region tätig. »Außerdem gehe ich gern in den Hawwerkasten.«

 

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