05. Juli 2019, 22:11 Uhr

Wenn »die Jungs« den Freund foltern

05. Juli 2019, 22:11 Uhr

Flankiert von zwei Polizisten betritt die kleine, drahtige Frau den großen Gerichtsaal im Landgericht Gießen. Die Augen geradeaus, geradezu selbstsicher läuft sie hinter den muskulösen Männern vorbei, die auf der Anklagebank sitzen. Erst als sie Platz nimmt und einen grauen Kaffeebecher aus Plastik vor ihr auf den Tisch stellt, kann sie ihre Nervösität nicht mehr verbergen. Ihre Hände mit den manikürten, langen Nägeln zittern. Die 21-Jährige ist die Freundin des Hauptbelastungszeugen im Prozess gegen sechs ehemalige Mitglieder der rockerähnlichen Gruppe Bahoz. Ihnen wird vorgeworfen, im November an mehreren Tagen sieben Männer in einer Bar an der Rodheimer Straße schwer misshandelt zu haben.

Ihr Freund, ein 34 Jahre alter, bulliger Gießener, hatte Mitte Juni vor Gericht ausgesagt. Er war am 6. November zusammen mit zwei weiteren Männern mit einer Rohrzange, mit Bambusstöcken sowie mit Fäusten und Tritten gefoltert worden. Während er Wissenslücken hatte oder vorgab, sie zu haben, war seine Partnerin klar in ihren Aussagen. Durch Zufall habe sie im Frühjahr 2016 ihren späteren Freund kennengelernt. Im November 2016 seien sie ein Paar geworden und zusammengezogen. »Er ist ein netter Mensch«, sagt sie über ihn. Dass er öfters mit »den Jungs« von Bahoz Zeit verbrachte, habe sie gewusst. Nur was sie gemacht haben - darüber habe ihr Freund nie geredet.

Auch an den Novembertag, der das Leben des jungen Paares völlig verändert hat, kann sie sich in weiten Teilen gut erinnern. Morgens um 5 oder 6 Uhr habe es an der Tür der gemeinsamen Wohnung am Rande der Nordstadt geklingelt. Ihr Freund sei von zwei Männern der Gruppe abgeholt worden. Entgegen seiner Gewohnheit habe er sich nur einmal mittags gemeldet: »Bin mit den Jungs unterwegs.« Das habe sie »komisch« gefunden, aber nicht weiter hinterfragt.

Abends oder am frühen Morgen sei ihr Partner nach Hause gekommen. »Er war total fertig«, sagt sie, »dickes Auge, schiefe Nase, rote Streifen am Körper, aber vor allem auf dem Rücken, überall Blut, die Hand gebrochen.« Er sei in eine Schlägerei verwickelt gewesen, habe er ihr erzählt. »Ich habe die Wunden gekühlt und mit Salbe behandelt.«, sagt die 21-Jährige.

Wohnungstür eingetreten

Am Abend seien »die Jungs« wieder aufgetaucht, um ihren Freund mitzunehmen. Einer habe gesagt, dass alles gut werde, er sich keine Sorgen zu machen bräuchte. »Da hatte ich im Kopf, da passiert doch was, das sagt man nicht ohne Grund«, erzählt die junge Frau. Im Bad habe ihr Freund ihr gesagt, sie solle ihn jede Stunde anrufen. Wenn er nicht an den Apparat gehe, müsse sie die Polizei alarmieren. »Ich ließ mir immer etwas einfallen, warum ich mit ihm sprechen wollte, wann er nach Hause kommt, ob er noch etwas essen will«, sagt sie. Privat sprechen können hätten sie aber nicht. »Während des Gesprächs war der Lautsprecher an.«

Unter dem Vorwand, ihren Schlüssel beim Gassigehen mit dem Hund zu Hause vergessen zu haben, sei sie gegen 3 Uhr in die Bar an der Rodheimer Straße gegangen. »Im Café war eine komische Stimmung«, erzählt sie. »Sonst wurde da viel gescherzt, aber als ich kam, war da nur Stille.« Als sie ihrem Freund die Hand in den Schoß gelegt habe, sei sie von einem anderen Besucher beobachtet worden. »Der wollte wohl wissen, ob ich ihm etwas zustecke.« Eine halbe Stunde später sei sie wieder gegangen, habe aber weiterhin Kontakt zu ihrem Freund gehalten.

Erst im Nachhinein habe er ihr erzählt, dass »die Jungs« ihn misshandelt hätten. Details habe er jedoch nicht genannt. Nur, dass der Kopf der Gruppe, ein 35 Jahre alter Biebertaler, ein Mordkomplott gegen sich gewittert habe. Ihr Freund habe ihr gesagt: »Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, war es auch so für ihn.« Und: Der Bandenchef habe wegen seines Kokainkonsums zehn Tage lang nicht geschlafen.

Vielleicht war es das Ereignis nach ihrer Aussage bei der Polizei, warum sich das Paar schlussendlich dafür entschied, ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden, Name und Wohnort zu ändern, den Kontakt zu Freunden und Familie abzubrechen. Die Polizei, erzählt sie, habe sie nach ihrer Aussage nach Hause gefahren. Dort angekommen, sei die Wohnungs- und die Schlafzimmertür eingetreten gewesen. »So konnte es nicht weitergehen«, sagt die junge Frau. »Wer weiß, was beim nächsten Mal passiert wäre?«

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