28. Juli 2019, 10:00 Uhr

SUP-Yoga

Wenn der Krieger auf dem Wasser wankt

Yoga auf dem Wasser: Das klingt wacklig und ist es auch. Unsere Reporterin hat ihren ersten Versuch auf der Lahn dennoch genossen - und ist trocken geblieben. Ein Selbstversuch.
28. Juli 2019, 10:00 Uhr
»Kaktus« auf der Lahn: Katrina Friese (in Gelb) hat Yoga auf dem Paddelbrett nach Gießen gebracht und gibt ihr Wissen weiter an Studierende. An diesem Abend darf auch GAZ-Reporterin Karen Werner (grünes T-Shirt) mitmachen. (Foto: Schepp)

Meine Yogamatte schaukelt mich sanft hin und her. Träge blinzle ich nach oben. Eine Böe lässt die Blätter rascheln, Mauersegler kreuzen kreischend den Himmel. Blicken die Insektenjäger Richtung Erde? Sie sähen jedenfalls eine Art Riesen-Seerose, gebildet aus acht an der Spitze zusammengebundenen Paddelbrettern. Auf jedem liegt ein tiefenentspannter Mensch, der die Geschöpfe um sich herum gerade noch mit Verrenkungen mitten auf der Lahn unterhalten hat.

Deutlich aufgeregter bin ich vor knapp zwei Stunden am Bootssteg des Wassersportvereins Hellas eingetroffen. »Bisher ist niemand ins Wasser gefallen«, versichert mit Trainerin Katrina Friese. Um so peinlicher wäre es, die erste zu sein. Stand up Paddling (SUP) habe ich noch nie ausprobiert. Zwar habe ich Yoga-Erfahrung, aber die Kombination aus beidem erscheint mir eine einigermaßen waghalsige Angelegenheit.

Sieben Frauen und ein Mann sind heute zum SUP-Yoga-Kurs im Rahmen des Allgemeinen Hochschulsports gekommen. Dass ich als Reporterin mitmachen darf, ist ein Privileg. Das Angebot war »in fünf Minuten ausgebucht«, berichtet Katrina, und für Normalbürger gibt es so etwas in Gießen bisher überhaupt nicht (mehr im Kasten). Die anderen tragen ihre Boards gelassen zum Steg, schließlich haben sie schon etliche Wochen geübt. »In dem Moment, in dem ich aufs Wasser gehe, fühle ich mich sofort ganz friedlich und entspannt«, erklärt eine Studentin später. »Der Alltag ist ganz weit weg«, bestätigt eine zweite. »Es ist ein bisschen wie im Dschungel. Es würde mich kaum wundern, wenn Äffchen durch die Äste springen würden.«

Ich erklimme vorsichtig mein Brett und stelle schnell fest, wie groß und stabil es ist. Falls ich unerwünscht innige Bekanntschaft mit der Lahn machen sollte, dann liegt es an mir. Katrina erwähnt »die einzige Regel: Wenn du runterfällst, nicht am Nachbarn festhalten.«

Die Gießenerin hat Stand up Paddling vor etwa fünf Jahren kennengelernt und sofort gespürt, dass ihr die aufrechte Fortbewegung auf dem Wasser liegt. Sie liebt »das erhabene Gefühl auf dem Fluss. Du hast eine ganz andere Direktheit zum Wasser, wenn du es unter den Füßen hast.« Yoga betreibt die Fotografin und Lebenskünstlerin schon seit gut 15 Jahren und hatte irgendwann die Idee, beides zu verbinden. Am Starnberger See hat sie sich zur Trainerin ausbilden lassen.

Erhabenheit - später vielleicht. Meine ersten Paddelschläge mache ich sicherheitshalber im Knien. An einer idyllischen Stelle etwa 100 Meter flussaufwärts ankert Katrina und klinkt unsere Bretter zusammen. Im Sitzen geht es los. Mit ruhiger Stimme leitet Katrina uns an. Oooommmmm.

Katze: Runder Rücken, Hohlkreuz. Kaktus. Huch, jetzt stehe ich ja. Ich konzentriere mich auf meine Armhaltung. Als eine Gartenbesitzerin nebenan mühsam den Außenbordmotor ihres Bootes in Gang bringt und - blaue Rauchwolken verbreitend - ans andere Ufer knattert, nehme ich das nur am Rande wahr. Meine Aufmerksamkeit kreist um mein Gleichgewicht.

Neugier und Witzeleien

Als wir im »herabschauenden Hund« Füße und Hände heben, beginnt das Wasser um unsere schwankenden Bretter zu plätschern, und die Aussicht verändert sich. Die Riesen-Seerose rotiert sanft. Beim »Krieger« wird es mir zu wacklig, und ich setze - anders als zu Hause - das hintere Knie auf. Die Erfinder dieser Sportart sagen: Die Übungen auf der schwimmenden Yogamatte sind besonders effektiv, weil man zur Stabilisierung tiefsitzende Muskeln aktiviert. »Manche Haltungen lernt man auf dem Wasser leichter«, findet Katrina; man vermeide von vornherein »Dysbalancen«.

Keinen Blick haben wir für Spaziergänger und andere Wassersportler. Umgekehrt scheinen sie uns anzustarren - mal fasziniert, mal belustigt. »Kontaktlinse verloren?«, witzelt ein Ruderer, während wir im Vierfüßerstand die Wirbelsäulen langstrecken. Dass uns während der Abschluss-Meditation eine neugierige Entenfamilie umkreist, erzählt uns Katrina hinterher.

Gedehnt, entspannt, gekräftigt paddeln wir zurück zum Vereinsheim. »Nehmt diese Stärke und diesen Mut mit in euren Alltag«, gibt Katrina uns mit. Für die Studierenden beginnen nun die Semesterferien. Erfreut hören sie, dass Neuauflagen des Kurses geplant sind, sogar im Winter. »Ich würde auf jeden Fall wieder mitmachen«, erklären sie unisono - falls sie einen Platz ergattern.

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