12. April 2018, 14:00 Uhr

Telemedizin

Wenn der Arzt aus der Ferne hilft

Der Arzt sitzt am Bildschirm, der Patient vor der Kamera: Telemedizin kann in vielen Fällen helfen. In Gießen eröffnet das Land ein Kompetenzzentrum.
12. April 2018, 14:00 Uhr
Patient, Arzt, Vitaldaten und Postion des Rettungswagens auf einen Blick: Die Digitalisierung hält zunehmend Einzug in die Medizin. Wie man sie sinnvoll und sicher nutzen kann, wollen Gießener Experten wie Prof. Simon Little (r.) Gesundheitsakteuren vermitteln. (Foto: kw)

Schrecksekunde mitten in der Pressekonferenz. Ein merkwürdiger Laut kommt von rechts. Ein junger Mann am Rand greift sich ans Herz. »Geht’s Ihnen nicht gut?«, fragt Simon Little und macht sich umgehend daran, den Krawattenknoten des vermeintlichen Patienten zu lockern, während er auf seinem Handy die 112 wählt. Erst dann begreifen Journalisten, Filmteams und Fotografen: Dies ist eine gewollte Demonstration, wie technische Neuerungen gerade in der Rettungsmedizin genutzt werden können. Die beiden Gießener Hochschulen sind in diesem Bereich ganz vorn mit dabei. Deshalb eröffnete Hessens Sozialminister Stefan Grüttner am Mittwoch das hessische Kompetenzzentrum Telemedizin und E-Health in den Räumen der früheren Esculap-Klinik an der Nordanlage.

Abtransportiert wird der junge Mann in einem Rettungswagen mit THM-Logo, der in und um Gießen seit einiger Zeit im alltäglichen Einsatz ist. Die Besonderheit: Er ist ausgestattet mit einer Kamera und Übertragungsgeräten. Ein Arzt im Krankenhaus sieht nicht nur Blutdruck, EKG und Sauerstoffsättigung, sondern auch das blasse Gesicht und, wenn es sie gäbe, äußere Verletzungen des Patienten. Er weist den Sanitätern Medikamentengaben an und kann sofort erkennen, wie sie wirken. Künftig sollen die Mitarbeiter vor Ort sogar Sonografien unter seiner Anleitung durchführen, die Bilder beurteilt der Arzt. Auf einem weiteren Bildschirmfenster verfolgt er den Weg des Fahrzeugs durch die Stadt.

Bisher arbeiteten Notfallkoordinator in Krankenhäusern vor allem am Telefon, weiß Simon Little, Professor am Fachbereich Gesundheit der Technischen Hochschule Mittelhessen. Mit der neuen Technik könnten sie genauer planen, welcher Patient wann ankommt und was er brauchen wird. »Damit haben wir schon viele Leben gerettet«, schließlich gehe es beispielsweise bei Schlaganfällen oder Herzinfarkten um jede Minute.

Die »Ressource Notarzt« wird immer knapper – dank Technik kann er mehr Patienten gleichzeitig helfen. »Es geht nicht um Qualitätsminderung«, betont Minister Grüttner. Oberstes Ziel sei eine Verbesserung für den Patienten. Little bekräftigt: »Wer einen Notarzt braucht, bekommt ihn auch.« In etlichen Fällen werde bisher aber der Mediziner dort eingesetzt, wo der aus der Ferne ärztlich unterstützte Sanitäter ausreichen würde.

Der Arzt kommt, wenn man ihn braucht? In der Provinz ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Digitalisierung könne helfen, »die ärztliche Versorgung im ländlichen Bereich aufrechtzuerhalten«, sagt Armin Häuser, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums. Doch gerade da klappt wiederum die Datenübertragung häufig nicht. Auch deshalb sei »der Ausbau des Mobilfunknetzes wichtiger als Breitband-Internet für einzelne Institutionen«, meint Grüttner. Gefragt sei vor allem die Telekom.

»Schon viele Leben gerettet«

Der CDU-Politiker würdigt die »starke Expertise« am Standort Gießen. Das unterstreichen auch die Vertreter der beiden Hochschulen. Prof. Peter Winker, Vizepräsident der Justus-Liebig-Universität, verweist auf die Wurzeln des Instituts für medizinische Informatik, die bis ins Jahr 1965 zurückreichen. Im Fokus stünden Datensicherheit und das Wohl des Patienten. THM-Präsident Prof. Matthias Willems nennt die gute Zusammenarbeit der Hochschulen gerade in diesem Bereich »deutschlandweit einmalig«.

Weitere denkbare Einsatzfelder für E-Medizin sind beispielsweise Video-Sprechstunden nach Operationen oder Kontrolluntersuchungen an chronisch Kranken bei ihnen zu Hause. Bedenken, der persönliche Kontakt werde leiden, hält Grüttner entgegen: »Der Arzt bleibt der erste Ansprechpartner.«

Medizinern fehle es häufig an Zeit und Kenntnissen, um in technischen Neuentwicklungen auf dem Laufenden zu bleiben, weiß der Sozialminister. Berührungsängste führten mitunter dazu, dass sie in dem Bereich überhaupt nichts unternehmen. Das Kompetenzzentrum mit dem Motto »Gut vernetzt. Bestens versorgt« sei ein »wichtiger Meilenstein in unserer E-Health-Initiative«. Hessen nehme damit eine Vorreiterrolle unter den Bundesländern ein.

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