20. April 2017, 22:21 Uhr

Wenn Trump twittert

20. April 2017, 22:21 Uhr
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Von Christian Schneebeck
C. Bieber

Donald Trump ist nicht gleich Donald Trump, zumindest nicht bei Twitter. Denn als Regierungschef (»President Trump«) und als Privatmann (»real Donald Trump«) ist er dort mit zwei Identitäten unterwegs. So weit, so harmlos, könnte man meinen. Indes zeige das digitale Doppelleben, wie Trump die Grenze zwischen Privatem und Politischem so weit auflöse, dass seine Tweets schließlich als »eine Art königliche Verlautbarungen« erscheinen könnten, sagte der Politikwissenschaftler Prof. Christoph Bieber am Mittwochabend in seinem Vortrag »All the President’s Media: Zur Konkurrenz von Politik und Journalismus unter Trump«. Der gebürtige Laubacher, der an der Universität Duisburg-Essen lehrt, eröffnete damit die Vorlesungsreihe des JLU-Präsidenten »Die autoritäre Welle im Westen: USA, Frankreich, Deutschland. Wie stark ist der Nationalismus?«.

Bieber spitzte mit dieser These zu, was er zuvor über die Twitter-Nutzung des US-Präsidenten gesagt hatte. Als »quasi autarker Medienakteur« verstehe es Trump wie kein anderer, seine Botschaften an unliebsamen Journalisten vorbei zu verbreiten. Schon als Kandidat hatte er regelmäßig gegen Medienvertreter gewettert, hatte sie der Lüge bezichtigt, als »schlechte Menschen« bezeichnet – und sogar erklärt, er befinde sich im »Krieg« mit den Medien. Emotionale Ausbrüche oder Inszenierung mit Kalkül? Letzteres, meinte Bieber. Schließlich treffe die Vorschlaghammer-Rhetorik auf eine zutiefst gespaltene Gesellschaft, in der vielen das Vertrauen in klassische Medien abhandengekommen sei.

Je nach Perspektive verliefen die Trennlinien in der amerikanischen Bevölkerung entweder zwischen links und rechts, Stadt und Land, Republikanern und Demokraten oder auch »denen da oben« und »uns hier unten«. Die Lager nutzten dabei vielfach nur noch bestimmte Kanäle, um sich zu informieren, so Bieber. Letztlich spiegele der Nachrichtenkonsum eines US-Bürgers meist seine politische Haltung: »Man wendet sich immer mehr den eigenen Medien zu und ignoriert die der anderen.«

So gesehen vertieft Trump mit seinem »Krieg« gegen die Medien vorhandene Gräben, um sich dann selbst zum Brückenbauer zu stilisieren – mit dem Slogan »America first« und gegen einen klar zu identifizierenden Gegner. Die Beispiele für diese Politik sind bekanntlich vielfältig. Bieber nannte unter anderem den Streit um die Zuschauerzahlen bei Trumps Inauguration. Der Schadenfreude über die auf Pressefotos weitestgehend menschenleere National Mall vor dem Kapitol folgte wenig später der Gegenangriff: Die Medien hätten absichtlich falsch informiert, erklärte Trumps Sprecher am Tag nach der Amtseinführung. Tatsächlich sei noch nie ein größeres Publikum bei einer Inauguration vor Ort gewesen.

»White House versus Fake Media« hieß der entsprechende Teil in Biebers Vortrag. Neben den Frontlinien war damit auch das weithin bekannte Stichwort gefallen. Analytisch zwischen Falschmeldungen und Propaganda zu verorten, seien »Fake News« in ihrer Entstehung wie auch in ihrer sozialen und politischen Wirkung noch kaum erforscht, sagte Bieber.

Offensichtlich sei indes, dass sich sowohl das Phänomen als auch der Begriff für politische Zwecke instrumentalisieren lasse. Hinzu komme, dass im Internet technische Mittel wie Algorithmen zum Echokammer-Effekt führten: Auf der Grundlage des eigenen Surfverhaltens werden Nutzer bevorzugt mit solchen Positionen konfrontiert, die den eigenen möglichst ähnlich sind und die Weltsicht damit zunehmend verengen.

Grenzen lösen sich auf

Aber Trump informiert die Bevölkerung ja längst selbst über seine Politik. Mal twittert der Präsident, dann wieder der »echte« Donald Trump. Mitunter kommunizieren beide Accounts auch miteinander, wie Bieber berichtete. Im Ergebnis lösen sich die Grenzen zwischen privaten Aussagen und Regierungsstatements immer weiter auf. Und dem Volk bleibt nur, das Getwitterte selbst einzuordnen, darauf zu vertrauen oder eben nicht – fast wie bei einer königlichen Verlautbarung.

In der nächsten Vorlesung dieser Veranstaltungsreihe spricht am Mittwoch, 3. Mai, 19 Uhr, der Politikwissenschaftler Claus Leggewie (Ludwig-Börne-Professor an der Justus-Liebig-Universität) zum Thema: »Frankreichs Uhren gehen wieder. Die ›leere Mitte‹ gegen Marine Le Pen.« Auch sie findet wieder in der Aula statt. (Foto: csk)



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