15. Februar 2019, 06:00 Uhr

Eltern in Haft

Wenn Papa im Knast sitzt

Kommt ein Elternteil in Haft, bleibt die Familie oft hilf- und ratlos zurück. Um Ehepartner und Kinder zu unterstützen, läuft ein hessenweites Modellprojekt des Gießener Vereins »Aktion Perspektiven«.
15. Februar 2019, 06:00 Uhr
Ein Blick in den geschlossenen Vollzug der JVA Gießen. (Foto: sha)

Es klingt ketzerisch: Aber wenn ein Elternteil ins Gefängnis muss, dann ist die Person erstmal versorgt. Angehörige hingegen stehen plötzlich alleine da und wissen nicht, was über sie hereinbrechen wird. Angefangen bei der Krankenversicherung der Kinder über den Arbeitgeber bis hin zu Problemen mit den Nachbarn. Um Angehörige von Inhaftierten zu beraten, zu unterstützen und das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken, läuft momentan das Modellprojekt »Angehörige im hessischen Justizvollzug«. Federführend ist auf Initiative des Hessischen Justiz-Ministeriums der Gießener Verein »Aktion – Perspektiven« in Zusammenarbeit mit dem Fliedner-Verein Rockenberg, der junge Straffällige unterstützt.

Das Modellprojekt hat 2017 begonnen und war auf ursprünglich 15 Monate ausgelegt. Mittlerweile hat das Justizministerium die Laufzeit bis Ende 2019 verlängert. Ziel sind Empfehlungen für die Entwicklung von Leitlinien für Angehörigen- und Familienarbeit in den hessischen Justizvollzugsanstalten (JVA). Konkret: Es geht um eine familien- und kindgerechte Begegnung von Angehörigen und Inhaftierten. Ein hochaktuelles Thema, hatte doch das Ministerkomitee des Europarates das Thema auf seine Agenda gesetzt: Kinder von Inhaftierten dürften nicht ebenfalls bestraft werden, indem sie nur schwer und eingeschränkt Kontakt zum inhaftierten Elternteil haben. Betroffen sind bundesweit 100 000 Kinder; in Hessen sollen es zwischen 7000 und 10 000 Kinder sein.

Teilnehmer aus ganz Hessen

Weil »Aktion – Perspektive« Erfahrung mit Mutter-Kind-Kursen hat und mit Straffälligen und -gefährdeten arbeitet, schienen die Gießener der ideale Partner für das Modellprojekt zu sein. Beteiligt sind die Gefängnisse in Butzbach, Darmstadt, Gießen, Frankfurt III und IV, Fulda, Rockenberg, Limburg und Weiterstadt. Hier arbeitet der Verein mit Seelsorgern und den sozialen Diensten der JVA zusammen. Die Teilnehmer der Kurse kommen aus ganz Hessen.

In einem ersten Schritt hatten Mitarbeiter des Vereins die Gefängnisse besucht und sich dort die Angebote und Räume angesehen, in denen sich Angehörige und Inhaftierte begegnen. Die pädagogische Leiterin des Projektes, Frederike Henn, sagt: »Wir haben erlebt, was es für ein Kind bedeutet, in eine Haftanstalt hineinzugehen«. Dicke Mauern, viele Schlüssel, Türen und Stacheldraht. Die Toiletten beispielsweise befinden sich außerhalb des Bereichs, in dem sich die Familien treffen können. Muss ein Kind austreten, ist der Besuch beendet.

Die Mitarbeiter des Angehörigenprojektes haben drei Module entwickelt. So gibt es Angebote für Inhaftierte – zum Beispiel einen Vater-Kind-Kurs. Oder eine Veranstaltung mit dem Titel »Der Weg zurück in die Familie«. Der Pädagoge Thomas Kaiser betont, dass die Inhaftierten ein Elternteil bleiben. Nur würde sich ihre Rolle nach der Rückkehr aus der Haft ändern. »Das Leben draußen geht weiter und wird anders sein, wenn der Inhaftierte entlassen wird«, sagt er.

 

Ein stilles Geheimnis

 

Ein weiteres Angebot richtet sich an Angehörige. So gibt es Mutter-Kind-Kurse, in denen die Frauen – 85 Prozent der Inhaftierten sind Männer – über ihre Erfahrungen reden können. Leicht verständliche Flyer informieren über die ersten Schritte, nachdem der Partner verhaftet wurde. Für Kinder gibt es spezielle Bücherkisten und -listen, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Gerade der Mutter-Kind-Kurs kann für die Mütter einen Weg aus der Isolation bedeuten. »Die Frauen haben oft Schamgefühle und Selbstzweifel und ziehen sich zurück«, sagt Astrid Dietmann-Quurck, Geschäftsführerin des Vereins »Aktion – Perspektive«. Warum haben sie nicht bemerkt, dass ihr Partner kriminell war? Aber auch: Wie sagen sie es ihren Kindern? »Bei einem Kurs wussten nur wenige Kinder, dass ihr Vater im Gefängnis sitzt«; sagt Henn. Oft hieße es, Papa sei auf Montage, in einer Klinik oder im Ausland. »Es ist ein stilles Geheimnis.«

Die Kurse richten sich auch an Justizangestellte in den Gefängnissen. Sie sollen dort für die Belange der Angehörigen und Inhaftierten sensibilisiert werden. Hier gibt es bereits konkrete Pläne: Die Workshops sollen ins Fortbildungsprogramm der hessischen Justiz übernommen werden.

Zusatzinfo

Mutter-Kind-Seminar

Die Aktion Perspektive bietet für Mütter und Kinder (6 bis 12 Jahre), deren Partner oder Vater inhaftiert ist, ein Seminar an. Von Montag, 15., bis Mittwoch, 17. April, geht es für eine Auszeit auf den Flensunger Hof in Mücke. Die Kinder können dort spielen und einen Bauernhof besuchen, die Mütter sich in Gesprächskreisen über ihre Situation austauschen. Die Teilnahme ist kostenfrei. Info beim Verein unter den Rufnummern 06 41/7 10 20 und 01 60/96 27 22 70 oder Mail (angehoerigenprojekt@aktion-verein.org).

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