02. Juli 2019, 22:11 Uhr

Wenn Grenzen verwischen

02. Juli 2019, 22:11 Uhr

War ein 37-Jähriger nicht nur Opfer, sondern auch Täter bei den Gewaltexzessen, die sich im November vergangenen Jahres in einer Bar an der Rodheimer Straße abgespielt haben? Diese Frage überschattete am Dienstag den fünften Tag im Prozess gegen sechs Mitglieder der ehemaligen rockerähnlichen Gruppe Bahoz, der unter strengen Sicherheitsvorkehrungen vor dem Landgericht Gießen stattfindet.

Wer bereits am Freitag die zähe Befragung des 34 Jahre alten Hauptbelastungszeugen erlebt hatte, kam in den Genuss einer Neuauflage - nur mit einem anderen Protagonisten. Auch der am Dienstag befragte 37 Jahre alte Zeuge kam in Begleitung von zwei SEK-Beamten in den Gerichtsaal. Wie auch der Hauptbelastungszeuge, der am 6. November in der Bar misshandelt worden sein soll, verstrickte sich der Zeuge in Widersprüche.

Dass sich im November an mehreren Tagen kaum fassbare Szenen der Gewalt in einer Weststadt-Bar abgespielt haben, bezweifelt niemand. Sieben Männer sollen dort mit Bambusstangen, einer Rohrzange, Hammer, Schlägen und Tritten stundenlang misshandelt worden sein; einem soll der Kopf der Gruppe, ein 35-jähriger Biebertaler, ins Bein geschossen haben. Der Grund: Der Bandenchef hatte einen Mordkomplott gegen ihn gewittert und Geständnisse der Opfer erzwingen wollen. An den Abenden, an denen es zu den Gewaltorgien gekommen sein soll, soll Kokain konsumiert worden sein.

So unzweifelhaft die Geschehnisse sind - so schwer zu fassen ist die Aussage des 37-Jährigen. Er soll einer der vier Männer gewesen sein, die vom 16. auf den 17. November in der Bar getreten und geschlagen worden sein sollen. Zuerst hätten sie in der Bar ganz normal zusammengesessen, erzählt er. Anschließend habe es ein Boxtraining gegeben. Plötzlich seien er und drei andere Männer vom Chef der Gruppe mit einer Pistole bedroht und von anderen Anwesenden gefesselt worden, schilderte der 37 Jahre alte Mann auf Kurdisch. Bei der Frage, wer ihn gefesselt habe, widersprach sich der Zeuge.

Hammer und Bohrer

Anschließend hätten die Männer ihnen mit einem Hammer auf die Hände geschlagen; dann hätten sie weitere Tritte und Fausthiebe abbekommen sowie Schläge mit Bambusstöcken - bis in den frühen Morgen hinein. »Ich hatte keine Ahnung, was das sollte«, betonte der 37-Jährige, »das habe ich bis heute nicht.« Den Biebertaler habe er immer geschätzt, schließlich habe er ihm zu Essen und ein Dach über dem Kopf gegeben, als es ihm nicht gut gegangen sei. »Aber er hat mich tief enttäuscht.« Gleich zu Beginn hatte er noch in Richtung des Biebertalers gesagt: »Wenn du draußen bist, sehen wir uns.« Kurze Zeit später fügte er noch hinzu: »Also um miteinander zu sprechen.«

Offen ist die Rolle des 37-Jährigen bei den Ereignissen am 6. November. Hier habe er lediglich am Tresen gesessen, als der Hauptbelastungszeuge und zwei weitere Männer mit Bambusstöcken, Fäusten und Tritten misshandelt worden seien.

Richter Jost Holtzmann konfrontierte den 37-Jährigen mit den Aussagen von zwei Angeklagten und des Hauptbelastungszeugen. Sie hatten den Zeugen beschuldigt, an jenem 6. November an der Misshandlung der drei Männer beteiligt gewesen zu sein. Ein Angeklagter schilderte sogar, der 37-Jährige habe eine Bohrmaschine und eine Zange gegen die Opfer einsetzen wollen. »Das habe ich nicht gemacht«, sagte der schmächtige Mann im Zeugenstand.

Das Gelächter einiger der Zuschauer, die den sechs Angeklagten nahestehen, quittierte Holtzmann mit einer klaren Ansage: »Unterdrücken Sie ihre Heiterkeit oder entfernen Sie sich.«

Feixende Zuhörer sind vermutlich das geringste Problem, vor dem das Gericht steht. Richter Holtzmann verwendete viel Mühe und Zeit, minuziös, detailliert und immer wieder die Ereignisse an den Tattagen nachzuzeichnen. Wer von den sechs Angeklagten hat wann was getan? Dies ist nicht immer leicht zu rekonstruieren. Aber die Beteiligten des Verfahrens haben dafür ja noch etwas Zeit: Bis in den Herbst hinein soll der Prozess vor dem Landgericht Gießen fortgesetzt werden.

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