30. Oktober 2018, 22:08 Uhr

Wenn Gangster den Blues haben

Wer sagt eigentlich, dass bei einer Lesung schon vor der Pause gelesen werden muss? Der Gefängnisarzt und Schauspieler Joe Bausch wählt mit seinem neuen Buch »Gangsterblues« beim Krimifestival zunächst einen anderen Ansatz.
30. Oktober 2018, 22:08 Uhr

Man stelle sich vor, es läuft eine Lesung, und keiner liest. »Ich kann alles – außer kurz«, sagt Joe Bausch, gleich nachdem er am Montagabend im Kinopolis die Bühne betreten hat. Dann fängt der Gefängnisarzt und (»Tatort«-)Schauspieler an zu erzählen. Eine Stunde später hat er beim Krimifestival noch kein Wort aus seinem Buch »Gangsterblues« gelesen. Dank vieler humorvoller Anekdoten sowie ein paar ernster Botschaften kommen die 470 Zuschauer trotzdem voll auf ihre Kosten. Plötzlich ist Pause – was Bausch nicht sonderlich überrascht: »Es ist schon wieder passiert. Ich gelobe Besserung.«

Dabei zeigt der 65-Jährige eigentlich nur, warum er zum Buchautor geworden ist. Bei Fernsehtalkshows sei die Zeit zum Beispiel immer so knapp, klagt er. »In diesem Format wird man etwas Differenziertes einfach nicht los.« Oft seien »höchstens zehn, zwölf oder 15 Sätze drin«. Die jedoch reichen vorne und hinten nicht – nicht für Bausch und erst recht nicht für all seine Geschichten aus 32 Jahren Arbeitsalltag in der Justizvollzugsanstalt Werl.

Mit einer »ziemlich speziellen Klientel« habe er es in dem Hochsicherheitsgefängnis zu tun, erklärt er. Ob Serienmörder oder Kinderschänder, »Berufsverbrecher« oder Psychopathen: Irgendwann sitzen die meisten vor seinem Schreibtisch. Einige legten bei ihm im Laufe der Zeit sogar »eine Lebensbeichte« ab, berichtet der Regierungsmedizinalrat. »Die Zeit im Knast kann eben lang werden. Da kriegt man schon mal den Blues.«

Und der liefert nicht nur den Titel, sondern auch reichlich Stoff für zwölf »harte Geschichten« – allesamt mit wahrem Kern, aber fiktionalisiert und mit Pseudonymen erzählt. Da wäre etwa Udo Weigold, »ein äußerst unangenehmer Mensch«, der sich hinter Gittern mit Kinderpornos ein Zubrot verdienen will. Eines Tages wird er beim Hanteltraining überfallen und lebensgefährlich verletzt. Die Tat bleibt unaufgeklärt. Allein so viel steht fest: Weigold überlebt, nach mehrfachem Schambeinbruch sowie Verletzungen an Herz, Lunge und Blase allerdings als »Alphatier, das keinen mehr hochkriegt und pinkelt wie eine Pussy«.

Von Diamanten-Paule und Ralle

Außer solchen Gestalten begegne er in seinem Job auch immer wieder »den netten, unkomplizierten«, sagt Bausch. Beispielsweise dem Trio um »Diamanten-Paule«: Kurz nach ihrer Entlassung wollen die ebenso rüstigen wie kriminellen Rentner »ein neues Projekt starten«. So vergeht kaum ein Jahr, bis der Arzt seine Patienten wiedersieht. Mit einem Opel Diplomat als Fluchtwagen haben sie inzwischen mehrere Überfälle begangen. Deshalb verlieren sie erneut die Freiheit – aber nicht den Humor. »Wissen Sie, mit den Füßen voran werde ich hier nie herausgetragen«, habe etwa der doppelt beinamputierte »Ralle« zu sagen gepflegt.

Mit der dritten Episode will Bausch noch »etwas Witziges« präsentieren. Tatsächlich entbehrt der Fall »Siggi« Rosen nicht einer gewissen Komik. Als der scheinbar Unentlassbare ein horrendes Erbe erhält, wird er »vom asozialen Verbrecher zum dissozialen Multimillionär«. Um sich auf die Freiheit vorzubereiten, nimmt er nun Fahrstunden in einem Ferrari Testarossa, von denen er trotz fehlender Bewachung stets pünktlich zurückkehrt. Eines Tages kommt »Siggi« frei. Statt in krumme Deals macht er fortan in teure Immobilien. Jahre später kontaktiert der Neureiche überraschend Bausch – ausgerechnet, um gegen »die Asis« in seinen zahlreichen Häusern zwischen Potsdam und Berlin Mitte zu wettern.

Nach fast drei Stunden bester Unterhaltung schickt Bausch, der dieser Tage in den Ruhestand geht, das Publikum mit einer ernsten Botschaft in die Nacht. Seine Erfahrung bringe ihn zu einem Plädoyer für intensivere psychologische Arbeit im Strafvollzug, vor allem mit jungen Tätern, betont er. Zum Abschied gibt es noch einmal Blues auf die Ohren: von der Gießener Band »Bluesdoctor« als musikalischem Sidekick. (Foto: csk)

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