07. Oktober 2018, 14:00 Uhr

Sprachtests

Wenn Deutsch an der Uni zur Hürde wird

Ausländer haben es nicht leicht, an der Universität Gießen ein Studium aufzunehmen. Vor allem an den Deutschkenntnissen scheitern viele Bewerber. Sind die Anforderungen zu hoch?
07. Oktober 2018, 14:00 Uhr
Die Deutschprüfungen stellen viele angehende JLU-Studierende aus dem Ausland vor große Probleme. (Foto: Schepp)

Wollen Ausländer an der Universität Gießen studieren, müssen sie vor der Immatrikulation nachweisen, dass sie genügend deutsche Sprachkenntnisse haben, um ein Fachstudium zu beginnen. Diese Deutschkenntnisse können sie mit unterschiedlichen Prüfungen nachweisen: Sie heißen zum Beispiel »DSH« (Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer Studienbewerber) oder »TestDaF« (Test Deutsch als Fremdsprache). Die DSH-Prüfungen wird gegen eine Gebühr in Höhe von 70 Euro vom Akademischen Auslandsamt der Uni Gießen angeboten und abgenommen.

 

Angst vor Repressalien

Dr. Werner Rohlfing hat jetzt Kritik an dieser Prüfung geäußert. »Sie ist meiner Meinung nach viel zu schwer und kaum zu bewältigen.« Seine Nachbarin, die aus der Ukraine kommt und bereits ein abgeschlossenes Hochschulstudium in ihrem Heimatland vorweisen könne, habe die DSH-Prüfung nicht bestanden, obwohl sie sehr gut deutsch spreche und gut vorbereitet gewesen sei. »Sie hat über einen langen Zeitraum Deutsch-Intensivkurse besucht. Meine Frau, die Lehrerin ist, und ich haben ihr so gut wir konnten bei der Vorbereitung geholfen«, sagt der Kinderarzt, der in Allendorf wohnt.

Die Kurse seien so anspruchsvoll gewesen, dass auch er mit seinen »einigermaßen fundierten Deutschkenntnissen« bei vielen Fragen passen musste. So seien komplizierte Fragen über die Hirnfunktion von Menschen gestellt worden, die in gutem Deutsch beantwortet werden mussten – egal, ob man Geistes- oder Wirtschaftswissenschaften studieren wolle. Von 60 Teilnehmern hätten nur 14 die schriftliche Prüfung bestanden – und die mündliche Prüfung für diese 14 stehe noch aus. »Da ist doch irgendetwas faul«, sagt Rohlfing. »Entweder ist der Unterricht Mist oder das Niveau ist völlig überzogen. Unsere Wirtschaft und Forschung braucht doch in Zeiten des Fachkräftemangels junge und gute Leute – weshalb baut man da vor dem Studium so eine hohe Hürde auf?« Seine Nachbarin wolle anonym bleiben, da sie die Prüfung im nächsten Jahr wiederholen will und Angst vor Repressalien hat.

 

Auslandsamt widerspricht Vorwürfen

Nachfrage beim Akademischen Auslandsamt: Sind die Prüfungen wirklich so schwer und die Durchfallquoten so hoch? »Die genannten Zahlen sind falsch, sie stimmen nicht«, sagt die Leiterin des Akademischen Auslandsamtes in Gießen, Julia Volz. Ihr Mitarbeiter Knut Eisold, der für die Intensivkurse im Bereich »Deutsch als Fremdsprache« verantwortlich ist, rechnet vor: »Im September hatten wir in der schriftlichen DSH-Prüfung 33 Prüflinge. 17 davon haben bestanden, das sind über 50 Prozent.« Das sei ganz normal: Seit vielen Jahren liege der Schnitt der erfolgreich bestandenen Prüfungen bei rund 50 Prozent, sagt Eisold, der schon seit über 20 Jahren beim Akademischen Auslandsamt arbeitet und dort sowohl Prüfungen und Kurse koordiniert als auch selbst Deutsch unterrichtet.

 

Prüfung darf nicht zu leicht sein

Zudem würden laut Eisold über 60 Prozent der Studienbewerber, die sich mit Deutsch-Intensivkursen im Akademischen Auslandsamt auf die Prüfung vorbereiten, bestehen. Von externen Kandidaten, die ihre Deutschkenntnisse anderweitig erworben haben, nehmen allerdings nur rund 40 Prozent die Hürde. Kein Problem sei hingegen die mündliche Prüfung, die eine Woche nach den schriftlichen Leistungsüberprüfungen stattfinde: »In der mündlichen Prüfung ist meines Wissens noch nie jemand durchgefallen. Da wird über ein Thema gesprochen, das häufig mit dem zukünftigen Studiengang des Prüflings zu tun hat.«

Es sei folglich keineswegs so, dass das Akademische Auslandsamt versuche, »die Leute rauszuprüfen oder durchfallen zu lassen.« Allerdings sei die Prüfung nicht leicht ,– »und sie darf auch nicht leicht sein«, sagt Volz. Sonst würden die Bewerber anschließend im Fachstudium scheitern. Die Abbruchquote internationaler Studierender liege im Bundesdurchschnitt bei rund 40 Prozent, während von den deutschen Studierenden nur rund 28 Prozent das Studium abbrechen. Das Hochschulzugangsniveau sei gewollt sehr hoch, die Prüfung anspruchsvoll. Den Rahmen dafür gebe allerdings weder die Universität Gießen oder das Akademische Auslandsamt vor, sondern die Kultusministerkonferenz.

 

Verständnis für Frust

Beim akademischen Auslandsamt in Gießen, das vor gut einem Jahr mit seinen Deutschkursen von der Gutenbergstraße in die Bismarckstraße 16 umgezogen ist, bereiten sich jedes Jahr rund 200 ausländische Studienplatzbewerber – aus sehr heterogenen Herkunftsländern und Kulturkreisen und mit unterschiedlichen Bildungsspektren – mit Intensivkursen auf die etwa vierstündige Deutschprüfung vor. Sie besteht aus den Teilen Lesen, Hören, Schreiben und Sprechen. Wer als Anfänger ohne Deutschkenntnisse mit den Vorbereitungskursen beginnt und binnen eines Jahres nach Schwierigkeit gestaffelt alle sechs möglichen Kursmodule (A1, A2, B1, B2, C1.1 und C1.2) besucht, hat am Ende 1000 Unterrichtsstunden hinter sich und Kursgebühren in Höhe von 3000 Euro entrichtet. »Es ist also nachzuvollziehen, dass jemand, der da am Ende durchfällt, frustriert ist«, zeigt Volz Verständnis für die Kandidaten, die bei allem Eifer am Ende mit leeren Händen dastehen. Doch die Chance, die Prüfung – auch mehrfach – zu wiederholen, haben alle.

Info

Infos zu Kursen und Prüfungen

Die Abteilung »Deutsch als Fremdsprache« im Akademischen Auslandsamt der Justus-Liebig-Universität Gießen in der Bismarckstraße 16 berät Interessenten individuell zu einzelnen Prüfungen und Sprachkursen. Sie hilft auch bei weiteren Fragen. Die Abteilung ist erreichbar unter Tel. 0641/99 121 45. Außerdem gibt es Sprechzeiten: Montag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 13 Uhr sowie nach Vereinbarung.

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