23. Februar 2017, 19:42 Uhr

Wenn Arbeit krank macht

23. Februar 2017, 19:42 Uhr
SUE
Britta Rafoth

Was ist Stress und wie entsteht er? Wann führt Stress als Folge psychischer Belastung zu Burn-out? Mit solchen Fragen setzte sich die Psychologin Britta Rafoth bei ihrem Vortrag an der Justus-Liebig-Universität auseinander. Eingeladen hatte die Abteilung Bildung und Wissenschaft der Gewerkschaft Verdi Mittelhessen. Rafoth ging insbesondere auf den Arbeitsaspekt von Burn-out-Erkrankungen ein.

»Psychische Störungen nehmen einen immer größeren Anteil an Arbeitsunfähigkeitstagen ein und stehen nach Muskel- und Skeletterkrankungen an zweiter Stelle«, sagte Rafoth, die als selbstständige Trainerin sowohl Betroffene als auch Personalräte und Führungskräfte berät. Eine Ursache sieht sie darin, dass Arbeitszeiten immer öfter »entgrenzt« werden, Arbeitnehmer ständig erreichbar sein müssen und Arbeit oft mit ins Privatleben mitgenommen werde. »Stress ist eine individuelle Bewertung einer Situation, die entsteht, wenn äußere Anforderungen und die individuellen Ressourcen zur Erledigung einer Aufgabe im Ungleichgewicht stehen«, so Rafoth. Zentral sei dabei die Frage, ob der Einzelne noch einen eigenen Handlungsspielraum habe.

Zeitdruck und Überforderung

Dabei sei Stress per se erst einmal nichts Böses und in archaischen Zeiten überlebensnotwendig gewesen, erklärte sie. So schüttet der Körper in Stresssituationen Adrenalin aus, um reagieren zu können. Ist der Alarm vorüber, folgt im Normalfall eine Erschöpfung. »Man kommt runter«, so Rafoth.

Sogenannte Stressoren, also Stressauslöser, sind im modernen Arbeitsalltag allgegenwärtig. Zu nennen sind Zeitdruck, Überforderung oder eine zu hohe Komplexität oder Menge an Arbeit. Aber auch soziale Stressoren wie Probleme mit Kollegen oder Vorgesetzten können Stress auslösen. Kommt es zu Dauerbelastungen, nehmen die Stressoren überhand und man kann nicht mehr entspannen. »Burn-out entsteht durch die dauerhafte Überforderung der eigenen geistigen und emotionalen Leistungsfähigkeiten«, so Rafoth.

Ein Burn-out beschreibt einen Erschöpfungszustand, der emotional, soziale, körperliche und psychische Symptome zeigt. Es kommt zu Angespanntheit, Ängstlichkeit, Frustration und Ermüdung. Aber auch Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magenprobleme oder Depressionen können auftreten. »Dauerstress ohne ausreichenden Ausgleich führt schleichend zu einer tiefen Erschöpfung«, so die Psychologin. Oft zieht sich die Entwicklung über Monate und Jahre hin.

Die Wissenschaft kennt ein Sieben-Stufen-Modell, an deren Anfang Warnsymptome wie Erschöpfung stehen. Es folgen der Verlust der Empathie, Launenhaftigkeit, verminderte Motivation und Konzentrationsschwächen. Schließlich kommt es zu einer emotionalen Gleichgültigkeit und Verzweiflung. Das ebenfalls siebenstufige Interventionsmodell reicht je nach Schweregrad von der Suche nach professioneller Hilfe mit Medikamenten und Psychotherapie über die Sorge um den Körper, der Förderung von Kreativität und sozialen Kontakten bis hin zum Einüben von Nein sagen und dem Herstellen von Ausgewogenheit. »Burn-out ist kein persönliches Versagen, sondern ein dynamischer Prozess mit zwei Ursachen: Arbeitsbedingungen und Persönlichkeit. Konkret heißt das, dass man gegen Burn-out sowohl betrieblich als auch individuell etwas tun muss«, machte Rafoth deutlich.

Um einem Burn-out vorzubeugen, sei eine ehrliche Bestandsaufnahme ratsam: Wie sehr bestimmt Arbeit das Leben, wo kann ich Grenzen setzen, wie entspannen? »Aber auch seine eigenen Erwartungen zurückschrauben, ist essenziell«, so Rafoth. Wichtig sei es, bei einer Dauerbelastung am Arbeitsplatz Unterstützung etwa über die Einbindung von Kollegen oder Betriebsräten einzufordern. Der Arbeitsgeber habe eine Fürsorgepflicht und müsse helfen, die Arbeitsorganisation zu verbessern und Entlastung zu schaffen. »Das ist nicht einfach. Oft ändert sich an stressigen Arbeitssituationen leider nur dann etwas, wenn wirklich etwas anbrennt«, sagte Rafoth. (Foto: sue)

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