17. Dezember 2018, 14:00 Uhr

»Wart’s-Ab«

»Weil Warten doof ist«: Gießener entwickelt App, die Wartezimmer überflüssig macht

Die Zeit bis zur Untersuchung beim Arzt sinnvoll nutzen und die Ansteckungsgefahr durch andere Patienten verringern: Die App »Wart’s-Ab« der THM soll das möglich machen.
17. Dezember 2018, 14:00 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
In der Praxis eine Nummer bekommen, aufs Handy speichern und wieder gehen, bis man aufgerufen wird: Das soll die App »Wart’s-Ab« der THM möglich machen. (Foto: Schepp)

»Weil Warten doof ist«. Ganz einfach und einleuchtend erklärt Thomas Friedl den Sinn seiner Idee »Wart’s-Ab«. Mit der App fürs Handy sollen zunächst Patienten von Arztpraxen die Zeit bis zur Untersuchung sinnvoll nutzen. Das schont nicht nur deren Nerven, sondern ist auch für die Mediziner und ihre Mitarbeiter interessant. »Ich hatte schon mehrere Anrufe von Praxen, die die App nutzen wollen«, erzählt der Informatik-Professor vom Fachbereich Gesundheit der Technischen Hochschule Mittelhessen. Er hofft auf eine schnelle und langfristige Verbreitung – auch dank Unterstützung durch das Hessische Sozialministerium und eine Krankenkasse.

Friedl ist »überrascht vom großen Echo« und erklärt es sich so: »Jeder ist mal Patient.« Das Herumsitzen in Wartezimmern verschwendet Zeit. Laut einer Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung aus dem Jahr 2013 warten 16 Prozent der Patienten mindestens eine Stunde, 9 Prozent sogar zwei. Zeit, die man für Erledigungen, Einkaufen oder – bei kurzen Wegen – zu Hause nutzen könnte. Auch die Praxen haben etwas davon: Weniger »Gequengel«, Gedrängel – das den Datenschutz am Anmeldetresen empfindlich stört – und Toilettengänge, die letztlich Geld kosten. Vor allem: Die Ansteckungsgefahr durch schniefende und hustende Patienten sinkt. Ob App-Nutzer so gesünder bleiben als andere, könnte ein Forschungsprojekt mit der Justus-Liebig-Universität klären.

 

»Wart’s-Ab«: Sichere Daten dank Nummer

Vor allem für ungeplante Arztbesuche ist »Wart’s-Ab« gedacht. Phase 1 soll schon im kommenden Herbst mit 150 Praxen und sechs Krankenhäusern in Hessen starten und funktioniert so: Der Patient erscheint und meldet sich an. Wenn er möchte, kann er sich die App vor Ort kostenlos aufs Smartphone herunterladen. Die Gesundheitseinrichtung teilt ihm über ein Tablet – also ohne Verbindung zu den sonstigen Daten – eine Nummer zu. Nun kann der Patient die Praxis wieder verlassen und bekommt übers Handy mitgeteilt, wenn er bald an der Reihe sein wird. »Wir werden den Server sicher gestalten. Aber wenn er doch einmal gehackt werden sollte, sieht man nichts außer einer Nummer«, unterstreicht Friedl den Datenschutz. Diese besondere Sicherheit unterscheide die App von bereits existierenden Systemen, die nur für einzelne Nutzer konzipiert seien.

 

»Wart’s-Ab«: Testphase mit 150 Praxen

Anderthalb Jahre soll die Testphase dauern und für alle Nutzer kostenfrei sein. Später könnte sich die App überall verbreiten, wo gewartet wird: Von Gaststätten über die Ausländerbehörde bis zur Auto-Zulassungsstelle. Langfristig kann sich der Informatiker eine Ausweitung vorstellen: Verschiebungen längst vereinbarter Termine oder Informationen wie »Laborwerte sind da« könnten beispielsweise ebenfalls über die App verschickt werden. Denkbar sei auf lange Sicht auch, dass der Patient nicht erst zur Gesundheitseinrichtung fahren muss, sondern sich von zu Hause aus anmelden kann und die Praxis erst aufsucht, wenn er aufgerufen wird.

»Sehr optimistisch« ist Friedl, dass sich die Idee durchsetzt. Dabei helfe die Förderung durch das Land. »Normalerweise bezahlt man eine kostenfreie Software damit, dass man seine Daten hergibt. Das ist hier nicht so – dank unserer Sponsoren.«

Info

Land treibt »E-Health« voran

»Wart’s-Ab« ist das kostengünstigste von fünf Innovationsprojekten, die das Land im Rahmen der E-Health-Initiative Hessen jetzt fördert. Auch die Techniker-Krankenkasse beteiligt sich. Das Land gibt rund 319 000 Euro für die Testphase in den Jahren 2019 und 2020. Ein weiteres der fünf Projekte ist in Gießen und Marburg angesiedelt, nämlich eine modernere Kommunikation im Rettungsdienst Mittelhessen. Von der telemedizinischen Epilepsie-Versorgung und der Tele-Intensiv-Medizin profitieren Patienten in ganz Hessen, vom fünften Vorhaben junge Stotterer in Kassel. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens als Ergänzung zum persönlichen Kontakt sei »ein Schlüssel zu einer weiterhin wohnortnahen Versorgung«, sagt Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU). Mit dem Programm stelle die Landesregierung seit diesem Jahr mit rund sechs Millionen Euro so viel Geld wie noch nie für Innovation in Telemedizin und E-Health zur Verfügung.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos