22. April 2019, 17:34 Uhr

Von Eichhörnchen bis Vögel

Was tun mit hilflosen Wildtieren?

Im Frühjahr ist die Natur eine große Kinderstube. Nahezu jeder, dem Mauersegler oder Eichhörnchen vor die Füße fallen, will helfen. Doch ohne Expertenrat ist der Schaden oft größer als der Nutzen.
22. April 2019, 17:34 Uhr

Die Tierpflegerinnen Hannah Wern (Foto) und Nora Grandke tragen Kapuzenshirts mit Kängurutaschen, die derzeit fast immer eigenartig ausgebeult sind. Die Botschaft: »Voll belegt«. Mal schaut ein Eichhörnchen heraus, mal wird ein junges Kätzchen aufgepäppelt. Und wenn die beiden jungen Frauen zu einer Geburtstagsfeier oder zu einem Treffen mit Freunden gehen, kommen sie selten allein. Statt Handtasche haben sie eine Box mit einem jungen Vogel dabei. »Die Aufzucht junger Wildtiere ist extrem aufwendig, man ist rund um die Uhr im Einsatz«, sagt Astrid Paparone, die erste Vorsitzende des Tierschutzvereins. Sie ist dankbar dafür, dass die Mitarbeiterinnen so engagiert bei der Sache sind und die kleinen Schützlinge bei sich zu Hause versorgen. Die Biologin hat jahrelang selbst Jungtiere aufgepäppelt und weiß, wie es ist, wenn alle zwei Stunden der Wecker klingelt und die Kleinen ihre hungrigen Schnäbel aufsperren.

Jedes Frühjahr zahlreiche Anfragen

In jedem Frühjahr bekommt der Tierschutzverein zahlreiche Anfragen von Tierfreunden, die einen jungen Vogel oder ein Eichhörnchen gefunden haben und nun nicht recht wissen, was sie tun sollen. Die Expertinnen des Tierheims freuen sich darüber, denn es ist in den meisten Fällen keine gute Idee, die Aufzucht auf eigene Faust zu beginnen. »Viele Jungtiere überleben das nicht«, weiß Hannah Wern. Sie hat in den vergangenen Jahren etwa ein Dutzend Eichhörnchen großgezogen, die ohne Hilfe verendet wären. Zunächst gibt es Fläschchen mit Fencheltee, danach Katzenaufzuchtmilch, erst deutlich später Nüsse. Das Ziel ist dabei immer, dass aus den hilflosen Winzlingen starke Jungtiere werden, die alleine in der Natur zurecht kommen. »Es sind Wildtiere, und das sollen sie auch bleiben.«

Distanz halten fällt schwer

Damit das klappt, muss schon bald nach der ersten intensiven Phase des Kuschelns Distanz geschaffen werden. Die Eichhörnchen werden weder mit Menschen noch mit anderen Tieren vertraut gemacht. Denn haben sie erst einmal »freundschaftliche« Beziehungen geknüpft, geht ihnen der natürliche Fluchtinstinkt verloren, der ihnen später einmal das Leben retten kann. Schritt für Schritt werden junge Eichhörnchen an ihr Leben in der Freiheit gewöhnt. Auch für die Tierpflegerin ist das nicht einfach, denn natürlich hängt sie nach einer Weile an den putzigen Tierchen. »Deshalb gebe ich ihnen auch bewusst keine Namen«, sagt Hannah Wern. Ihr derzeitiges Eichhörnchen ist weiblich und wird spätestens im Juli seiner eigenen Wege gehen.

Auch viele Jungvögel brauchen Hilfe. Das Wichtigste ist, zunächst einmal den Fundort zu beobachten um feststellen zu können, ob die Eltern in der Nähe sind. Oft hilft es schon, wenn man Nestlinge (junge Vögel, die noch nicht vollständig befiedert sind) wieder zurück ins Nest setzt. Sorgen, dass die Elterntiere es dann nicht mehr annehmen, braucht man nicht zu haben, denn der menschliche Geruch stört die Vögel nicht. Ist das Kleine tatsächlich alleine, so sollte man es auf einer Wärmflasche vorsichtig wärmen – und dann am besten gleich zu Experten bringen. Ästlinge – das sind Jungvögel mit Gefieder – brauchen meistens keine Hilfe. Befinden sie sich an einer befahrenen Straße, reicht es, sie zurück ins Gebüsch zu setzen. Junge Mauersegler benötigen dagegen immer Hilfe, da sie aus eigener Kraft nicht in die Luft starten können. Wasser- und Hühnervögel benötigen ebenfalls Hilfe, ideal ist es, wenn man sie mit dem Muttertier zusammenführen kann.

Auf keinen Fall sollte man mit »Hausrezepten« herumprobieren. Die Gabe von Haferflocken, Hackfleisch, Ei, Milch oder Wintervogelfutter ist gut gemeint, geht aber meistens schief und führt zum Tod der Jungtiere. (Foto: Schepp)

Jungtier gefunden?

Experten helfen weiter

Ansprechpartner rund um die Jungtieraufzucht sind die Expertinnen des Tierschutzvereins Gießen: www.tierschutzverein-giessen.de. Tel. 0641/52251 oder 0151 15624941. Vogelklinik der Veterinärmedizin, Frankfurter Straße 93, Tel. 0641/9938431. Infos rund um den Schutz junger Vögel gibt es auch auf den Seiten des Naturschutzbundes, zum Beispiel unter www.nabu.de

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