08. Oktober 2018, 07:00 Uhr

Nadia Murad

Was die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad mit Gießen verbindet

Das ist nicht bei allen Trägern des Friedensnobelpreises so: Aber in diesem Jahr zeigt das Gewissen der Welt Gesicht. Das der Jesidin Nadia Murad. In Gießen ist die nun weltberühmte junge Frau keine Unbekannte.
08. Oktober 2018, 07:00 Uhr
Anfang August, Kongresshalle Gießen: Nadia Murad zwischen Kanzleramtschef Helge Braun und dem SPD-Politiker Thorsten Schäfer-Gümbel. Links Irfan Ortac, (Foto: Schepp)

Es wird in Gießen in diesem Jahr wohl keine bewegendere Veranstaltung mehr als diese geben, die Anfang August in der Kongresshalle stattfand. Rund 2000 Menschen drängen sich beim Gedenken des Zentralrats der Jesiden in Deutschland in der Kongresshalle. Gedacht wird der Verfolgung und Ermordung der Jesiden durch den Islamischen Staat (IS) im Nordirak. Als das Klagelied Qavals ertönt, brechen viele Zuhörer in Tränen aus. Vorne in der ersten Reihe mit den prominenten Gästen sitzt zwischen Kanzleramtschef Helge Braun und dem hessischen SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel eine zierliche junge Frau. Es ist die UN-Sonderbotschafterin und frühere IS-Gefangene Nadia Murad, die in einer Rede eindringlich schildert, wie die Jesiden weiterhin verfolgt werden. 18 Familienmitglieder hat sie durch den IS verloren. Seit Freitag ist die 25-Jährige weltbekannt,weil sie – gemeinsam mit Denis Mukwege – im Dezember den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz gegen den weltweiten Menschenhandel erhält.

 

»Speerspitze« der Bewegung

Speziell für die Jesiden in Deutschland, wo Murad seit drei Jahren lebt, ist das ein großer und wichtiger Moment. Irfan Ortac, aus Staufenberg stammender Vorsitzender des 2017 gegründeten Zentralrats der Jesiden in Deutschland, sagt: »Die Preisverleihung betrachten wir als Wertschätzung für alle ezidische Aktivistinnen und Aktivisten. Seit vier Jahren sind hunderte von Ezidinnen und Eziden unermüdlich im Einsatz und stellen sich gegen die Ausrottung der Eziden im Irak.« Nadia Murad sei »die Speerspitze dieser Bewegung«. Ortac hofft, dass die Auszeichnung den Fokus wieder auf die Gefahr für die Jesiden im Irak lenken wird. »Der Genozid dauert noch an«, betont er. Es seien weiterhin über 1000 Frauen und Mädchen in der Hand des IS. Und über 1500 Kinder und junge Männer würden zu Selbstmordattentätern ausgebildet. Leider komme die deutsche Entwicklungshilfe bei den Jesiden nicht an, beklagt Ortac.

 

20 Frauen begehen Selbstmord

Das Schicksal vor allem der Frauen, die vor rund vier Jahren in die Hände der IS-Terrorbrigaden gerieten und von den Islamisten geschändet wurden, ist auch bei den kurdischen Organisationen präsent. Mitte November 2015 hatte die Kurdische Gemeinde Deutschland (KGD) den Mediziner Ilhan Kizilhan bei ihrem Bundeskongress in Gießen zu Gast. Kizilhan erzählte – nicht minder bewegend – von seiner Arbeit mit den jungen Jesidinnen, die die baden-württembergische Landesregierung damals im Rahmen eines Sonderkontinents nach Deutschland geholt hatte, darunter Nadia Murad. Er sprach über Mädchen und junge Frauen, die vom IS »20- oder 30-mal verkauft, versklavt und vergewaltigt wurden«. 20 hätten sich, obwohl in Sicherheit in Deutschland, umgebracht. »Wir Kurden dürfen das niemals vergessen«, rief der Arzt.

 

Kurden sind stolz auf Murads Mut

Daran erinnert Mehmet Tanriverdi, Vize-Vorsitzender der KDG aus Gießen. »Wir Kurden sind natürlich sehr stolz, dass eine Angehörige des unseres Volkes diesen ehrenwürdigen Preis bekommen wird. Das hat es in der Geschichte noch nicht gegeben«. Nadia Murad und hunderte misshandelter Kurdinnen ezidischen Glaubens seien nach Deutschland geholt und von Prof. Kizilhan behandelt worden. Tanriverdi: »Er hat als Therapeut dazu beigetragen, dass Nadia Murad und andere Frauen über ihr Schicksal gesprochen haben.« Tanriverdi kündigte an, dass Kizilhan bei einer Veranstaltung der Kurdischen Gemeinde am 24. November für seine Arbeit geehrt wird.

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