31. Juli 2017, 11:27 Uhr

Kneipennot

Warum Studenten weniger in die Kneipe gehen

»Im Sommer lebe ich vom Sparbuch«, sagt ein Gießener Wirt zum veränderten Ausgehverhalten junger Leute. Gastronomen wie er gehören zu den Verlierern eines gesellschaftlichen Trends.
31. Juli 2017, 11:27 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Der Biergarten ist ganz nah, doch jüngere Gießener setzen sich lieber in privater Runde zusammen, wie hier im Hof des Bitchen und Ulenspiegel. (Foto: Schepp)

Ein lauer Sommerabend in der Innenstadt. Im Theaterpark, in der Wieseckaue oder auf dem Uni-Vorplatz versammeln sich junge Bürger. Viele haben eine Kiste Bier und den Einweggrill mitgebracht, es geht lebhaft zu. Ganz anders im »Ihring’s« in der Ludwigstraße. Hier bleiben heute viele Plätze leer. Vor allem Ältere sind da. Für sie ist der holzgetäfelte Keller einer von wenigen Orten, an denen sie noch die Kneipenatmosphäre aus ihrer eigenen Jugend finden. Schönes Wetter versetzt Klaus Göttmann in melancholische Stimmung. »Wenn dann noch Semesterferien sind, wird es ganz traurig«, sagt der Wirt.

Dem Gießener tut der Trend zum »Chillen« draußen richtig weh. »Im Sommer lebe ich vom Sparbuch. Wie lange ich das noch durchhalte...?« Gefüllt wird das Konto immerhin bei schlechtem Wetter. »Im Winter muss man meistens reservieren, obwohl ich hier 140 Plätze habe.« Dann drängen sich durchaus auch junge Gäste in dem Lokal. »Das Publikum wechselt gegen zehn, halb elf: Die älteren Herrschaften haben Schnitzel gegessen und gehen nach Hause – die Studenten kommen und bestellen Burger.«


Problem: Auch anderes Studienverhalten


Dazu trinken sie mal einen Meter Bier, aber auch viel alkoholfreies Weizen, erzählt der erfahrene Gastronom. Der Konsum bleibt meist in vernünftigen Grenzen, der Umsatz also auch. »Den Gammelstudenten gibt es nicht mehr. Die jungen Leute heute stehen unter einem ganz anderem Druck.« Sie hätten weniger Zeit für Kneipenabende und auch fürs Jobben. »Ich suche händeringend Personal«, seufzt Göttmann.

Nicht nur die schummrige Kellerkneipe leidet unter den Veränderungen im Ausgehverhalten. Selbst der Betreiber eines idyllischen Biergartens direkt an der Lahn kennt solche Sorgen. Das Durchschnittsalter der Gäste liege bei »30 plus«, sagt Dietmar Knöß, Mitinhaber des Boothauses und des Justus. Beide Lokale liefen glücklicherweise gut. Doch es sei schwer, als Gastronom auf den richtigen Zeitgeist und ein Angebot zu setzen, das ankommt.


»Vorglühen« zu Hause

Das gastronomische Angebot in Gießen sei sehr vielfältig, »auch für junge Leute«. Doch die »ticken einfach anders. Sie treffen sich an öffentlichen Plätzen, trinken, grillen und machen danach noch nicht mal sauber.« Von jungen Aushilfen weiß Knöß: Selbst wenn Studierende in eine Gaststätte oder Disco gehen, beginnen sie den Abend »zu 80 Prozent mit ›Vorglühen‹«, also mit dem kostengünstigen Konsum von Alkohol zu Hause oder in der Öffentlichkeit.

Nachgesteuert hat der Betreiber der Strandbar am Neuen Teich. Christian Trageser setzte 2015 zunächst auf ein ganz junges Publikum. Rasch stellte er fest, dass vor allem etwas Ältere den Komfort der Gastronomie – Stuhl, Tisch, gekühltes Getränk im Glas – schätzen. Seine Konsequenzen: Er führte leisere Musik, Salate und Eiskaffee ein.



"Nur ein Bruchteil der Jahresbilanz" am Kiosk

Bei Gabriel Artuc geben sich Studenten an diesem schönen Abend die Klinke in die Hand. Ihm gehört der Marbobo-Kiosk gegenüber dem Uni-Hauptgebäude. Für 90 Cent ist dort eine Flasche des billigsten Biers zu haben. Ist er also ein Gewinner des gesellschaftlichen Trends? Artuc wiegelt ab: Für ihn mache dieses Geschäft »nur den Bruchteil der Jahresbilanz aus«, zumal es stark wetterabhängig ist.

»Das ist nur ein Bonbon obendrauf.« Auch er verkaufe im Übrigen viele alkoholfreie Getränke an die jungen Menschen, die sich auf dem Platz auf der anderen Straßenseite treffen.


Preise bis zu 15 Prozent gestiegen

Dass öffentliche Flächen heute viel genutzt werden, findet er erfreulich – nicht nur, weil er davon profitiert. »Gießen hat 45 000 Studenten. Die brauchen Orte, an die sie sich zurückziehen können.« Probleme mit Lärm und Müll gebe es kaum noch. »Es geht harmonisch zu. Flaschensammler räumen auf. Ich unterhalte mich auch öfter mal mit Anwohnern. Es ist alles im Rahmen.«

Ob man Getränke bei einer Bedienung bestellt oder »zum Mitnehmen« kauft, ist natürlich auch eine Geldfrage. Laut dem Statistischen Bundesamt steigen die Gastronomie-Preise deutlich: Ein Bier in der Gaststätte kostet demnach im Schnitt 15 Prozent mehr als im Jahr 2011. Zugleich sind Spontan-Picknicker beim Getränkekauf nicht mehr auf Tankstellen und Kioske angewiesen. Dank der Lockerung des Ladenöffnungsgesetzes können sie sich zu Supermarktpreisen eindecken. Bis 22 Uhr geöffnet haben zum Beispiel die Rewe-Filialen am Marktplatz und nahe der Wieseckaue in der Marburger Straße.

Dort habe es in den letzten Jahren beim Alkoholverkauf »keine signifikanten Veränderungen« gegeben, erklärt Konzernsprecherin Anja Krauskopf. Dass am späten Abend Sicherheitspersonal präsent ist, weise nicht auf besondere Probleme mit angetrunkenen Kunden hin: »Das entspricht unserem allgemeinen Sicherheitskonzept, das wir in vielen Märkten umsetzen.«



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