26. September 2019, 14:00 Uhr

Warum Kinder mit Essen »flirten«

Sie beäugen Broccoli mit Misstrauen, lieben Süßes, matschen gern auf dem Teller. Für ihren Umgang mit Essen haben Kleinkinder gute Gründe. Ein Fachtag der Verbraucherzentrale kärt darüber auf.
26. September 2019, 14:00 Uhr
Erwachsene bestimmen, was, wann und wie gegessen wird - Kinder entscheiden, was und wie viel sie zu sich nehmen. So lautet eine Botschaft der Fortbildung »Bildungsort Esstisch«. (Foto: dpa)

Probier wenigstens einen Löffel. Vorher weißt du ja gar nicht, ob du das magst.« Diese Sätze sollten sich Erwachsene verkneifen, genau wie die Mahnung »nicht mit dem Essen spielen«. Das erfuhren 110 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Fachtags »Bildungsort Esstisch«, zu dem die Verbraucherzentrale Hessen ins Gießener Zeughaus eingeladen hatte. Expertinnen gaben - mitunter überraschende - Tipps, wie Kinder genussvoll gesund essen lernen können, ob in der Kita oder in der Familie. Das ist gar nicht so einfach; gilt es doch die Natur zu überlisten.

»Ein Teller gedünstetes Gemüse vermittelt einem Kind die Nachricht: Davon wirst du nicht satt. Sie als Erwachsene können sich das schönreden.« Edith Gätjen erntet einen Lacher; einen von etlichen bei ihrem unterhaltsamen Vortrag »Mit Kindern essen - Esserziehung und -beziehung im Kleinkindalter«. Vermitteln will die Ernährungswissenschaftlerin und Familientherapeutin - wie auch die Kinderrechte-Expertin Alexandra Kunz als zweite Referentin - den Erzieherinnen, Tagespflegepersonen und Ernähungsfachleuten eine ernstzunehmende Botschaft: Kinder erleben Essen anders als Erwachsene. Aus guten Gründen nähern sie sich Unbekanntem häufig nur allmählich an. Sie haben ein Recht darauf, ebenso wie auf Mitbestimmung in bestimmten Grenzen. Zugleich müssen sie lernen, gegen die eigene biologisch-genetische Programmierung zu handeln, wenn sie sich in der Überflussgesellschaft gesund ernähren sollen.

Kinder essen intuitiv

Eine Herausforderung, die viele Erwachsene selbst nicht ganz bewältigt haben, »das sehen Sie an jedem All-you-can-eat-Buffet«, setzt Gätjen eine weitere Pointe. Süßigkeiten sollen weder Belohnung noch Trost sein: Wer das Kindern beibringen will, sollte das eigene Verhalten unter die Lupe nehmen. Schöne Ereignisse »versüßen« wir uns gern mit Geburtstagstorte, Weihnachtsplätzchen oder einem Eis zur Feier des Sommertags.

Kann der Erwachsene das Gehirn einschalten, so isst ein Kind »intuitiv«. Dabei wirken Zeiten nach, in denen der Mensch möglichst viele Nährstoffe zu sich nehmen musste. Daher kommt die Vorliebe für Kalorienreiches, Süßes oder - wichtige Spurenelemente, die es einst zu suchen galt - Salziges. Rohkost immerhin kann schon bei den Kleinen punkten, weil sie »Spaß macht, kracht, bunt ist«.

Tief verwurzelt ist ein Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit. Saures oder Bitteres beispielsweise könnte giftig sein. Vertrauen schafft, wenn alle am Tisch das Gleiche (bei Allergikern: möglichst Ähnliches) essen - erst recht, wenn das Kind, auf Papas Schoß sitzend, sich vom selben Teller bedienen darf. Ein Dreijähriger verweigert sein Lieblinggericht der letzten Wochen? Vielleicht hat der Organismus signalisiert, dass er erst einmal genug von den Inhaltsstoffen hat und etwas anderes braucht, erklärt die vierfache Mutter Gätjen. »Den Satz ›das hast du doch gestern noch gegessen‹ können Sie sich sparen.«

Tabu: Obstteller als Dauerangebot

Häufiger Thema ist indes das - vollkommen natürliche - Misstrauen gegenüber Neuem. Möglichst ohne Druck sollte man dem Kind einen »Flirt« mit Lebensmitteln erlauben, rät die Fachfrau. Es darf eine Kartoffel in die Hand nehmen, sie beschnuppern, ihre Fall-Eigenschaften testen, ohne zum »Probieren« genötigt zu werden. »Manchmal braucht es 20 Kontakte bis zum ersten Schmecken«, so Gätjen, und die Folge kann Ausspucken sein. Damit das Kind nicht hungrig vom Tisch aufstehen muss, sollte man Neues mit Vertrautem kombinieren.

»Der Teller ist privat, der Mund intim«, so unterstreicht Gätjen die Kinderrechte am Esstisch. Die Erwachsenen sollten bestimmen, was, wann und wie gegessen wird - das Kind, was und wie viel es zu sich nimmt. Die Systemische Therapeutin plädiert für gemeinsame, kommunikative Mahlzeiten. Diese stillten den körperlichen wie seelischen Hunger, würden automatisch zum Bildungsanlass und bedürften keiner Ermahnungen. »Tischmanieren machen wir einfach vor.«

In den Zeiten dazwischen sollte es in der Regel mindestens zweieinhalb Stunden lang nichts zu essen geben. Selbst Obst- oder Gemüsestückchen zum ständigen Zugreifen seien ungünstig für die Verdauungsorgane, die Zähne und den Tagesrhythmus, in dem man die Hände und den Kopf für anderes frei hat.

In Workshops vertieften die Fachtag-Teilnehmenden Aspekte wie »Kinderprodukte«, »Essen mit allen« Sinnen oder unterschiedlichen Esskulturen der Familien.

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