29. November 2018, 22:08 Uhr

Wann ist ein Bild ein Bild?

Was macht ein Bild aus? Diese Frage treibt den Künstler Tobias Hantmann um. In der Kunsthalle stellt er ab heute aus: gerahmte Veloursteppiche mit Schattierungen, Kochtöpfe mit Bodenbemalung, einen VW-Scirocco mit seitlich angehängtem Veloursteppich und den mit Grafiksoftware simulierten Moment seiner eigenen Geburt.
29. November 2018, 22:08 Uhr
Tobias Hantmann

Ein Bild ist immer die Kombination aus vielem: Motiv, Material, Inszenierung«, sagt Tobias Hantmann. Diese Definition trifft unbestritten auch auf die Veloursbilder zu, die der Künstler noch bis 17. Februar in der Kunsthalle zeigt. Wer vor seinem großformatig gerahmten Teppich »The Engagement« in Grün steht, erkennt ein detailreiches Motiv. Doch was ist, wenn wie bei »Backs of wall shop-window« im Rahmen lediglich ein rosafarbener Teppich zu sehen ist oder auf der riesigen grauen Veloursfläche »Animus« nur eine per Hand hineingestrichene Fläche. Ist das tatsächlich ein Bild?

Es ist exakt diese Frage, die Hantmann dem Betrachter unter dem Schlagwort »Staying with the pictures« stellt. Er fordert unsere visuelle Wahrnehmung heraus und lässt uns darüber nachdenken, was wichtig genug ist, um gemalt zu werden. Ob Bilder überhaupt etwas repräsentieren müssen. Und ob die Rahmung allein schon das Bild ausmacht – ein Bildversprechen ist.

Die Mischung aus künstlerischem Handwerk und kunsttheoretischer Reflexion bestimmt die neue Ausstellung in der Kunsthalle, die am heutigen Freitag um 19 Uhr eröffnet wird. Tobias Hantmann, Gastprofessor an der Kunstakademie in Münster, hat Malerei bei dem niederländischen Konzeptkünstler Jan Dibbets studiert und war Gaststudent bei Maler Georg Baselitz. Das hat seine Arbeit geprägt. 2006 hat er Veloursteppich als sein Medium entdeckt. Ursprünglich als eine Art Flipchart für seine monochromen Aquarelle gedacht, hat sich der samtige Flor längst zum eigenen Bildmittel entwickelt. Hantmann bearbeitet ihn nach Fotovorlagen mit Händen, Linealen oder Pinseln, legt die Fasern zu im Licht changierenden Zeichnungen, unfixiert, lediglich durch eine Plexiglaslasscheibe vor einer alles zerstörenden Berührung geschützt. »Es geht mir nicht um eine freakige Technik, sondern um das Wahrnehmen, dessen, was man noch nicht kennt«, sagt er und erobert sich so neue Freiräume für altbekannte Motive.

Das gilt auch für den großen grauen Velours »Inertgas« am Kopfende der Ausstellung, auf dem man vage einen Busch erkennt. Er zitiert den Busch aus der Werkserie »Inert Gas Series« des amerikanischen Konzeptkünstlers Robert Barry von 1969, der unsichtbare Gase fotografiert hatte. Weil man die auf seinen Fotos aber gerade nicht erkennt, sondern »nur« einen Busch, stellt Hantmann die Frage, ob dieses Bild vielleicht gescheitert ist. »Ich mag die Vorstellung, dass ein Bild vielleicht zu wenig schafft.« Und er mag das Spiel mit dem Licht, etwa wenn er die Böden von Kochtöpfen so bemalt, dass die Illusion einer Spiegelung entsteht.

Eine Illusion ist auch die Installation »Das Licht der Welt«, das Hantmann in Gießen erstmals zeigt. Es handelt sich um digitale Dateien ausbelichtet auf Diafilm, eine fotografische Diaprojektion, die das mit Grafiksoftware simulierte Innere des Kreissaals zur exakten Geburtsminute des Künstlers am 31. Dezember 1976, 13.41 Uhr, in Kempten zeigt. Wetter- und Lichtgegebenheiten hat er nachempfunden, ein auf der gegenüberliegenden Wand angebrachter Text gibt Erläuterungen, sogar der damalige Wetterbericht der Zeitung ist dokumentiert. Hantmann inszeniert eine eigentlich willkürliche Kombination aus Zeit und Ort zur »prototypischen Situation«.

Einer der Hingucker der Schau ist auch ein weißer Scirocco-Oldtimer mit seitlich angebrachtem Veloursbild in Goldtönen. Es heißt »Der Marktplatz von Freudenstadt«. Mit einem ähnlich ausgestatteten Wagen ist Hantmann 2017 auf Tour zu zwölf unterschiedlichen Stationen wie Graz, Ljubljana oder Frankfurt gefahren, um seine künstlerische Unabhängigkeit von Institutionen zu demonstrieren.

Trotz des theoretischen Überbaus sind Hantmanns Werke sehr ästhetisch. Seine Veloursteppichbilder und Sandpapier-Pastellkreide-Arbeiten tun nicht nur so, als seien sie monochrome Malerei. »Die Schönheit kommt durch die Hintertür«, sagt der Künstler, der bei der Vernissage anwesend sein wird. Zur Ausstellung erscheint eine fotografische Edition in einer 10er Auflage. Mit Unterstützung des Kunstfonds wird 2019 zudem ein Katalog zur Ausstellung realisiert.

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