15. April 2015, 16:33 Uhr

Wahnsinn und Heroik im Sinfoniekonzert

Eine Programmkombination besonderer Art präsentierte das Musikteam des Stadttheaters am Dienstag.
15. April 2015, 16:33 Uhr
Singt, kiekst, dröhnt im Rahmen von über fünf Oktaven: Bassbariton Yannis François, hier beim Auftritt im »Solistenporträt« im Vorfeld des Konzertes. (Foto: rw)

Geboten wurden im Sinfoniekonzert mit der »Fünften« die wohl populärste Sinfonie von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) und mit Peter Maxwell Davies’ »Eight songs for a mad king« ein Werk aus den späten 60er Jahren; der englische Komponist (geb. 1934) beschäftigte sich in dieser Zeit mit experimenteller Musik und zählt heute zu den bedeutendsten Musikschaffenden seines Landes. Eine Verbindung beider Werke stellt sich durch den historischen Kontext her; die »Eight Songs« beziehen sich auf den britischen König Georg III., der zu Lebzeiten des deutschen Komponisten regierte, wegen fortschreitender Krankheit die Staatsgeschäfte aufgeben musste und 1820 in geistiger Umnachtung starb.

Maxwell Davies ist den Gießener Theatergängern durch die erfolgreiche Produktion »Kommilitonen!« frisch im Gedächtnis. Sein Hang zu komplizierteren Stoffen wurde hier am Hause schon früh unter anderem durch sein Monodram »Das Medium« belegt. Das Psychotische, Krankhafte in musikalischer Umsetzung erschien nun auf die Spitze getrieben mit der Interpretation der »Eight songs«, mit denen das Konzert eröffnet wurde.

Eine in verwunschenem Efeugrün illuminierte Vorbühne, darauf eine imponierende Schlagzeugbatterie, links der Flügel, anschließend Plätze für Cello, Violine, Klarinette, Flöte. Und ein Sängerdarsteller, der für eine halb szenische Aufführung sorgte. Neben diesem dominanten Mittelpunkt des Interesses bündelte Dirigent Michael Hofstetter fast diskret das kleine Ensemble.

Dieses hat mit einem dissonanten »Schrei« als Auftakt das Publikum in einiges Erschrecken gestürzt, bevor Yannis François alias King George in prächtig pink-lila-grün changierendem langen Seidenmantel eintritt und dem Wahnsinn seine Stimme leiht. Mit ihr gibt er in den Abfolgen von Fantasie und Wahnbildern einfach alles; sogar Doppeltöne erinnern an den Künstler der Uraufführung, Roy Hart. François singt, kiekst, dröhnt im Rahmen von über fünf Oktaven, lässt seinen wunderbaren samtigen Bassbariton nur selten zu angestammtem Klang werden, und der Schauspieler in ihm kommt stets zum Vorschein. Als der König seinen eigenen Tod im abschließenden Textteil verkündet, ist das eher Sprache als Gesang, wenn der Mann mit der Totentrommel ihn zum Ausgang begleitet. Dass der Verrückte die Geige des Konzertmeisters zerstört, macht das Bild des Wahnsinns szenisch komplett. Dazwischen Träumereien, Beschwörungen und Ausraster; zur Vergegenwärtigung destruierter Wahrnehmung benutzte Librettist Randolph Stow Aufzeichnungen aus der Umgebung des Königs, der zeitweise inflationär redete. Für die Instrumentalisten liegen Improvisation und streng notierte Passagen nebeneinander. Expressiv Lautmalerisches – etwa das Vogelgezwitscher – oder der Rückgriff auf alte Tanz-weisen mischen sich mit romantischen Klaviersoli oder Swing-Zitaten. Eine assoziationsreiche Mixtur aus grellen und poetischen Tönen! Explodierender Beifall nach dieser ungemein intensiven halben Stunde mit Yannis François, der für seine Stimme nun gewiss etwas Erholung braucht.

Beethovens »Schicksalssinfonie« mit den beiden markanten absteigenden Terzen zur Eröffnung erfuhr eine knappe, prägnante und in allen vier Sätzen sehr präsente, klug ausgeleuchtete Interpretation unter den Händen des tänzerisch-temperamentvoll agierenden Musikchefs. Trotz der insgesamt straffen Tempi blieb der »Atem« durchgehend und vermittelte Geschlossenheit. Neben dramatischen Klangballungen und dynamischen Steigerungen stand fein ziseliertes, fast introvertiert wirkendes Piano der Streicher, das besonders plastisch durch die antiphonische Sitzordnung der Geigen wirkte. Pfeffrig und voll Schwung der erste Satz, dann das Adagio mit breit fließenden Tutti und kammermusikalischer Lyrik und schließlich die beiden ineinander verwobenen Allegri voller Eleganz und pulsierendem Leben. Aus dem Pizzicato entstand quasi ein »Waldweben«, über dem sich die Geigen zart erhoben, bis das Blech einsetzte. Knackig intonierte Schlusstakte schlossen passend eine lebenspralle, stürmische Sicht dieses mächtigen Marksteins großer Klassik ab. Begeisterter Applaus nach einem anregenden, frischen Beethoven. Olga Lappo-Danilewski

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