10. Juli 2008, 19:08 Uhr

Wahl des Dekans sorgt für heftigen Konflikt

Gießen (si). Der Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, mit über 3000 Studierenden einer der größten der Justus-Liebig-Universität, steckt in einer ernsten Krise. Sichtbar wird das daran, dass er im Wintersemester womöglich ohne Dekan (Leiter) dastehen wird - ein in der Hochschule bislang einmaliger Vorgang.
10. Juli 2008, 19:08 Uhr

Gießen (si). Der Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, mit über 3000 Studierenden einer der größten der Justus-Liebig-Universität, steckt in einer ernsten Krise. Sichtbar wird das daran, dass er im Wintersemester womöglich ohne Dekan (Leiter) dastehen wird - ein in der Hochschule bislang einmaliger Vorgang. Dem Fachbereich war es trotz mehrfacher Appelle des Uni-Präsidiums zunächst nicht gelungen, einen Nachfolger für den Amtsinhaber, den Politologen Prof. Klaus Fritzsche, zu präsentieren, der zum 30. September pensioniert wird. Nun sperrt sich die Hochschulleitung dagegen, einen vor wenigen Wochen benannten Kandidaten zu akzeptieren. JLU-Präsident Prof. Stefan Hormuth zufolge geht es dabei nicht um eine Personalie, sondern um strukturelle Probleme in Fachbereich und Dekanat; die müssten zuerst gelöst werden. Deshalb gibt es nun auch einen Konflikt zwischen Teilen des Fachbereichsrats und dem Präsidium.

Um die Positionen im offenen Gespräch zu erläutern, hatte der Fachbereichsrat Hormuth gestern zu einer Sitzung des Gremiums eingeladen. Bei dem eineinhalbstündigen Treffen bekräftigte Hormuth zunächst, dass das Präsidium rechtzeitig auf die Neubesetzung des Dekanatspostens hingewirkt habe. Der Fachbereich sei seit September »dreimal mündlich und einmal schriftlich« aufgefordert worden, einen Kandidaten zu benennen. Er habe die Antwort bekommen, dass sich kein Bewerber habe finden lassen. Klar wurde gestern, dass einige Fachbereichsmitglieder auf eine vierte Amtszeit Fritzsches spekuliert hatten - obwohl der 68-jährige Hochschullehrer schon vor drei Jahren die Pensionsgrenze erreichte. Dass Fritzsche 2005 verlängerte, hatte das Präsidium wegen der besonderen Belastungen des Fachbereichs damals ausdrücklich befürwortet. Der Politologe habe sich große Verdienste erworben, bekräftigte Hormuth gestern. »Nun müssen andere zeigen, dass sie Verantwortung übernehmen können«.

Für die Kandidatur als Dekan hatte sich im vergangenen Monat - nach Gesprächen mit beauftragten Kollegen - der Erziehungswissenschaftler Prof. Ludwig Duncker bereit erklärt, um dem Fachbereich »in einer schwierigen Situation zu helfen«. Hormuth dankte ihm dafür gestern öffentlich. Das Präsidium ist aber offenbar schon seit längerem davon überzeugt, dass allein mit einer neuen Person die Probleme nicht zu lösen sind. Der Fachbereich solle sich eine Dekanatsstruktur geben, bei der die Aufgaben klar definiert und die Lasten auf verschiedene Schultern verteilt sein müssten. »Der Fachbereich muss sich auch Rechenschaft darüber ablegen, wie er künftig aufgestellt sein will«, sagte der Präsident. Nach den Vorstellungen der Hochschulleitung soll deshalb zunächst eine Fachbereichskommission gebildet werden, die hierzu bis Anfang kommenden Jahres Vorschläge macht. Bei dem Zeitplan hat das Präsidium auch berücksichtigt, dass die Kunstpädagogin Prof. Johanna Staniczek für Oktober einen Rückzug von ihrem Amt als Prodekanin ankündigt hat - auch für sie ist noch kein Nachfolger gefunden worden. Über den neuen Dekan könne im nächsten Frühjahr entschieden werden, meinte Hormuth.

Für besondere Aufregung im Fachbereich sorgte in dem Zusammenhang die Ankündigung, dass das Präsidium dem Fachbereich ab Oktober einen »Berater« zur Seite stellen will - vor allem die Personalie, der Psychologe und frühere JLU-Vizepräsident Prof. Joachim Stiensmeier-Pelster, stößt hier auf einige Skepsis. Er komme aus einem Fachbereich mit »konkurrierenden Interessen«, hieß es. Hormuth bekräftigte daraufhin in der Sitzung, dass er für andere Vorschläge offen sei. Für Ärger sorgte außerdem die Absicht des Präsidiums, dass es das Personalbudget der Sozial- und Kulturwissenschaften in der Interimszeit zentral verwalten will, wie das bis Jahresbeginn in allen Fachbereichen üblich war. Hierzu bekräftigte Hormuth, dass der Fachbereich damit entlastet werde und keinerlei Benachteiligungen befürchten müsse.

Unter den Kritikern Hormuths stach die Politikwissenschaftlerin Prof. Barbara Holland-Cunz heraus. Viele Professorinnen und Professoren hätten eine »70- bis 80-Stunden-Woche«, nicht zuletzt durch Verwaltungsaufgaben. Hormuth stimmte zu, dass die Hochschullehrer durch Berufungsverfahren stark beansprucht seien - innerhalb von drei Jahren müssen im Fachbereich 18 von 37 Professuren neu besetzt werden, etliche Verfahren laufen. In einem Fall räumte Hormuth ein Versäumnis des Präsidiums ein, wodurch sich eine Berufung verzögert habe. Er sagte aber auch: »Ich höre immer, was alles nicht geht«. Für die Lehre hätten die Sozial- und Kulturwissenschaften »vom Präsidium mehr Mittel bekommen als jeder andere Fachbereich«.

Am Ende der Sitzung gab Hormuth zu erkennen, dass das Präsidium nun auch vor dem kommenden Wintersemester einen Personalvorschlag für das Dekanat entgegen nehmen will. Der Fachbereichsrat beschloss anschließend, noch im August Sondierungsgespräche mit möglichen Kandidaten - darunter Duncker - zu führen.

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