Stadt Gießen

Wagenknecht wirbt in Gießen für »Aufstehen«

400 Zuhörer feiern am Donnerstagabend am Kreuzplatz Linken-Star Sahra Wagenknecht. Der parteininterne Streit um einige ihrer Aussagen zur Einwanderungspolitik ist kein Thema.
18. Oktober 2018, 21:06 Uhr
Burkhard Möller
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Sahra Wagenknecht bei ihrem Auftritt auf dem Kreuzplatz. (Foto: Schepp)

Diese Botschaft hat sie sich für die letzten Sätze ihrer Rede aufgehoben. »Ich lade Sie ein: Machen Sie mit bei unserer Bewegung ›Aufstehen‹, damit auch außerparlamentarisch mehr Druck entsteht und die soziale Frage wieder in den Mittelpunkt rückt«, ruft Sahra Wagenknecht am Donnerstagabend in die am Kreuzplatz versammelte Menge. Während Wagenknechts linke Sammlungsbewegung auch innerhalb ihrer eigenen Partei kritisch gesehen wird, erhält die Bundestags-Fraktionsvorsitzende der Linkspartei von den rund 400 Zuhörern riesigen Beifall für ihren Aufruf.

Verspätung durch "Megastau"

Es ist schon stockdunkel, als der Star der Linken seine Rede nach einer guten halben Stunde beendet hat und beim Abgang von der Bühne von etlichen Selfie-Jägern umringt wird. Mit knapp einstündiger Verspätung war Wagenknecht am Kugelbrunnen eingetroffen. Auf dem Weg von Frankfurter Flughafen nach Gießen sei sie in einen »Megastau« geraten, entschuldigt sie sich zu Beginn für die Verspätung. Gut, dass der Kreisverband der Linken für die Veranstaltung die Band Lube engagiert hat, die mit ihrem fetzigen Sound die Zeit überbrückt, nachdem die beiden Wahlkreiskandidaten Francesco Arman (Wahlkreis Gießen I) und Matthias Riedl (Wahlkreis Gießen II) sowie Spitzenkandidat Jan Schalauske aus Marburg bereits gesprochen hatten.

Wagenknecht ist seit einiger Zeit in der eigenen Partei nicht unumstritten. Einige ihrer Aussagen, für die sie aus der AfD gelobt wurde, wurden als einwanderungskritisch und populistisch wahrgenommen. Kandidat »Matze« Riedl findet es aber nicht gut, dass sie dafür aus der eigenen Partei öffentlich kritisiert wurde. »So etwas gehört intern im Parteivorstand besprochen. Sie ist schließlich die beste Rednerin, die wir haben. So ein Zugpferd schießt man nicht einfach an«, sagt der Gießener Fraktionschef am Rande der Veranstaltung.

Nie abfinden mit Hartz IV

Bei der ist die innerparteiliche Debatte um Wagenknecht-Zitate kein Thema. Immer wieder brandet lauter Beifall auf, wenn Wagenknecht über die Gründe für den »Frust bei immer mehr Menschen« spricht, die an der Wahlurne »von den Finsterlingen der AfD« abgeholt würden. Dass das gesellschaftliche Klima »immer brutaler« werde, dass sich »Hass und Gift aufstauen«, habe mit der sozialen Spaltung zu tun; mit schlechter Bezahlung, der Ökonomisierung des Gesundheitswesens, niedrigen Renten, dem Armutsrisiko für Alte, Kranke und Kinder, mithin auch den Folgen der Agenda 2010. Mit der »Enteignung« von Arbeitnehmern durch die Hartz IV-Gesetze »werden wir uns nie abfinden«, sagt Wagenknecht.

Lauter wird der Beifall danach nur noch, als sie über deutsche Waffenexporte spricht, unter anderem in die »islamistische Kopf-ab-Diktatur Saudi-Arabien«. Eine »schändliche Politik« sei das. »Wer nicht will, dass Menschen fliehen, darf keine Waffen in alle Welt liefern«, ruft Wagenknecht.

Als der Stargast bereits wieder im Dienstwagen aus der Sonnenstraße rollt, zieht ein hochzufriedener Michael Janitzki Bilanz. Der Stadtverordnete hat die Gunst der Wartezeit auf Wagenknecht genutzt und rote Parteiprogramme unters Wahlvolk gebracht. »Die gingen weg wie warme Semmeln«, wundert sich der Stadtverordnete selbst ein bisschen über die reißende Nachfrage nach dem 140-seitigen Werk.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Wagenknecht-wirbt-in-Giessen-fuer-Aufstehen;art71,501797

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