13. Mai 2016, 18:03 Uhr

Vor dem »Startup Weekend«: Jury-Mitglied Noel Zeh im Interview

Gießen (jri). Für Menschen mit guten unternehmerischen Ideen könnte es das wichtigste Wochenende ihres Lebens werden: Drei Tage lang kommen potenzielle Existenzgründer – und solche, die es schon sind – am nächsten Wochenende (20. bis 22. Mai) in Gießen zusammen. Wir haben Mentor und Jury-Mitglied Noel Zeh zum Interview gebeten.
13. Mai 2016, 18:03 Uhr
Ein Beispiel für eine gelungene Neugründung ist das Restaurant »Gutburgerlich«, das eine ganz eigene Szene etabliert hat. Beim »Startup-Weekend« vom 20. bis 22. Mai in Gießen hoffen die Veranstalter auf viele weitere gute Geschäftsideen. (Foto: Oliver Schepp)

Beim »Startup Weekend Mittelhessen« haben die Akteure von Freitagnachmittag bis Sonntagabend 54 Stunden Zeit, um gemeinsam ihre Geschäftsideen voranzutreiben und zu optimieren – beraten von erfolgreichen Gründern, Mentoren und Juroren. Die besten Konzepte werden anschließend von einer Jury aus erfahrenen Gründern ausgezeichnet. Auf sie warten hochwertige Preise. Im Idealfall kann die Gründung des »Startups« direkt am Montag danach erfolgen.

Einer der Mentoren und Juroren des Wochenendes ist Noel Zeh. Der 36-jährige gebürtige Gießener hat bereits in jungen Jahren zahlreiche erfolgreiche Unternehmen gegründet: Unter anderem im E-Commerce, im Merchandising, im Pharmabereich und in der Logistikbranche. Auch an den Salatexperten von »Tom & Sallys« war er beteiligt, denn er gründete deren Vorgängerfirma »Salatmeister« mit. Zeh hat zudem zahlreiche Startups beraten. Seit etwa einem Jahr ist der in Wettenberg wohnende Zeh Gründungs-Partner und Geschäftsführer der Venture-Capital Firma »Littlerock« mit Sitz in Düsseldorf, die Frühphasen-Startups finanziert und speziell in Gründer investiert, die sich für die Digitalisierung des Mittelstandes einsetzen. Die Gießener Allgemeine Zeitung hat mit Zeh gesprochen.

Herr Zeh, warum braucht Gießen ein Startup-Weekend?

Noel Zeh: Es ist sehr wichtig, dass es einen physischen Ort gibt, wo Gründer zusammenkommen, Ideen austauschen, Rat einholen und sich gegenseitig unterstützen können. Die Kommunikation von Gründer zu Gründer ist ein wesentliches Element, dass zu einer erfolgreichen Gründung führt. Zwar bieten in Gießen zum Beispiel auch die IHK, die Kreishandwerkerschaft, die Wirtschaftspaten oder die Wirtschaftsförderung von Stadt und Kreis Gießen Existenzgründungs-Beratungen an, aber das sind in der Regel Einzelgespräche. Wir setzen mit dem Startup-Weekend eher auf Gruppendynamik, auf Teamwork, geballte Expertise und eine sehr intensive Gründeratmosphäre. Wenn man Gründer ist, sollte man sich diese Chance nicht entgehen lassen.

Welche Eigenschaften – außer einer guten Geschäftsidee – kennzeichnen erfolgreiche Unternehmensgründer?

Zeh: Erfolgreiche Gründer zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr schonend mit ihren Ressourcen umgehen, richtige Investitionsentscheidungen treffen und dazu auch »coachable« sind, also Rat annehmen können und vor allem auf Kunden und deren Feedback hören.

Wie sehen Sie die Gründer-Szene in Gießen? Wird das Potenzial ausgeschöpft – vor allem in Hinblick auf Universität, Hochschulen und rund 35 000 Studierende?

Zeh: Ich sehe hier noch viel Potenzial. Man muss allerdings die richtigen Leute zusammenbringen und verbinden. Jens Ihle vom Regionalmanagement ist zum Beispiel sehr aktiv in dieser Hinsicht. Die Ausrede, es gibt hier in der Region nicht genug Kapital, lasse ich auf keinen Fall gelten. Ich bin schon sehr gespannt auf das nächste Wochenende.

Können Sie uns fünf der wichtigsten Neugründungen in Gießen innerhalb der letzten zehn Jahre nennen?

Zeh: Da fallen mir als erstes »Shopgate« und »Sofortüberweisung« ein. Shopgate hat Kunden und Händler auf dem iPhone zusammengebracht. Sofortüberweisung hat das Bezahlen im Internet einfacher und sicherer gemacht und wurde später von »Klarna« übernommen. Shopgate wurde von Ortwin Kartmann aus Butzbach gegründet, der beim »Startup-Weekend« als Redner dabei ist. Dann ist da noch »FinTecSystems«, ein Unternehmen, das mit dem Ziel gegründet wurde, Bonitäts- und Betrugsrisiken beim Zugriff auf Online-Banking-Konten zu reduzieren. Das Unternehmen ermöglicht inzwischen Zugriff auf mehr als 58 Millionen Endkunden-Konten und hat seine Wurzeln unter anderem in Großen-Linden: Mitgründer Dirk Rudolf studierte Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule Mittelhessen. Im Nicht-Digitalen Bereich ist auf jeden Fall das »Gutburgerlich« zu nennen – das Burger-Restaurant hat eine ganz eigene Szene und ein neues Lebensgefühl in Gießen entwickelt und jetzt mit einem Café fortgesetzt. Und dann muss ich natürlich auch »Tom & Sallys« nennen, woran ich selbst nicht ganz unbeteiligt war (lacht).

Hoffen Sie auf ähnlich gute Ideen nun auch beim »Startup-Weekend?«

Zeh: Ich hoffe und wünsche mir, dass spannende Ideen dabei sind oder dort vor Ort entwickelt werden. Wir erwarten etwa 60 bis 70 Teilnehmer – da kann sehr viel zusammenkommen. Ich würde jedenfalls als Investor gerne auch mal in Mittelhessen investieren, und nicht immer nur in München, Barcelona oder Singapore.

Was meinen Sie als professioneller Kapitalgeber: Sind Investoren oder Business Angels aufgrund der aktuellen Niedrigzinsphase mehr als je zuvor dazu bereit, in gute Geschäftsideen und in junge Gründer zu investieren?

Zeh: Das hat meiner Meinung nach nichts miteinander zu tun. Richtig ist jedoch, dass derzeit sehr viel »Venture Capital«, also Risikokapital, im Markt ist. Zudem sind die Bewertungen von Startups unheimlich in die Höhe geschossen. Viele Neugründungen werden überbewertet. Business Angels investieren eher zu einem sehr frühen Zeitpunkt, Venture Capitals lieber zu einem späteren Zeitpunkt und sehr strukturiert. Wir gehen mit Littlerock einen Mittelweg und suchen uns unsere Investments, die bis zu 500 000 Euro umfassen, sehr gezielt aus: Von 300 Ideen, die wir uns im letzten halben Jahr angeschaut haben, haben wir in sechs investiert.

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