24. Januar 2019, 21:19 Uhr

Von SuS bis Bürger*innenmeister*in

24. Januar 2019, 21:19 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Wer kann Sprache wie verändern, und ist das überhaupt nötig? Darüber diskutieren (v. l.) die Professorinnen und Professoren Helmuth Feilke, Anja Binanzer, Peter Eisenberg, Gabriele Diewald, Ekkehard Felder und Mathilde Hennig. (Foto: kw)

Gießen (kw). »Student oder Mitarbeiter?« Eine Wissenschaftlerin an einer Thüringer Universität zuckt leicht zusammen bei dieser täglichen Frage der Frau an der Mensakasse. Ein Kollege wird von seinem Nachbarn angesprochen, der eine Fahrschule besitzt: Ob er etwas zu tun habe mit der Umstellung der Führerscheinprüfungen auf Formulierungen wie »die zu Fuß Gehenden«? Ein Student erzählt seinem Vater am Telefon, die Arbeit für die Uni sei fertig – »ich muss sie nur noch durchgendern«.

Bei der Podiumsdiskussion »Möglichkeiten und Grenzen des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs« am Dienstagabend in der Aula der Justus-Liebig-Universität zeigte sich: Das Thema ist mitten aus dem Leben gegriffen. Zugleich diskutierten die vier eingeladenen Linguistinnen und Linguisten auf fachlich hohem Niveau vor rund 200 Zuhörenden, die meisten von ihnen Sprachwissenschaftsstudierende.

Der Titel »Studierende, SuS, Bürger*innenmeister*innen« deutete die Bandbreite der Möglichkeiten des »Genderns« an (SuS ist die Abkürzung für »Schülerinnen und Schüler« oder »Studentinnen und Studenten«). Die JLU-Germanistin Prof. Mathilde Hennig und ihr Kollege Prof. Helmuth Feilke warfen als Gastgebende Fragen auf wie: Werden Frauen durch eine männlich geprägte Sprache benachteiligt? Verändert sich die Sprache sozusagen von selbst, oder können einflussreiche Gruppierungen sie bewusst beeinflussen? Die lebhafte Diskussion mündete in einem bissigen Schlagabtausch zwischen der Hannoveraner Professorin Gabriele Diewald, Mitautorin des Duden-Ratgebers »Richtig gendern«, und dem Potsdamer Grammatik-Experten Prof. Peter Eisenberg.

»Angstfreies« Sprechen in Gefahr?

Diewald tritt offensiv für das Binnen-I (ProfessorInnen) ein und freut sich darüber, dass die Sternchen – sie sollen auch auf Menschen »zwischen den Geschlechtern« verweisen – mittlerweile »in die Millionen gehen«. Niemand wolle etwas verbieten, aber es sei nötig auszuhandeln: »Wie wollen wir die stark veränderte gesellschaftliche Situation zum Ausdruck bringen?«

Eisenberg findet viele Forderungen »reichlich übertrieben«. Ihn störe Diskriminierung von Frauen vor allem im Verhalten – etwa wenn seine Bank nach einem Beratungsgespräch ihn anschreibt und nicht seine Frau, obwohl deutlich geworden war, dass sie die Finanzexpertin in der Ehe ist. Deutsch sei eine der ausgefeiltesten, ausdrucksstärksten Sprachen der Erde. »Ich reagiere allergisch, wenn Leute darin eingreifen wollen, die nicht viel davon verstehen.«

Auch der zweite Mann in der Gästerunde meldete Zweifel an. Prof. Ekkehard Felder (Heidelberg) plädierte für einen »angstfreien Umgang« mit Sprache, der freies Denken ermögliche. Im Interesse der »gesellschaftlichen Gerechtigkeit« müssten bei Reformbemühungen mögliche »Nebenwirkungen« bedacht werden. Eine könne sein, dass »der kleine Mann und die kleine Frau sich am Arbeitsplatz oder im Sportverein nicht mehr trauen, an der Kommunikation teilzunehmen«, weil sie fürchten, sich zu blamieren. »Dieses Schweigen beunruhigt mich«, so Felder.

Prof. Anja Binanzer (Erfurt) – Expertin vor allem für die Frage, wie Migranten Deutsch lernen – bekannte, sich bisher wenig mit dem Thema befasst zu haben. Sie sei »hin- und hergerissen« zwischen dem Ziel, Frauen besser gerecht zu werden, und der Textverständlichkeit. In ihrem Augen werde der Diskurs zu stark von Meinungen bestimmt statt von wissenschaftlich erfassten Daten.

»Ich habe noch nie einen Streit erlebt, der so unfair und mit so wenigen Argumenten ausgefochten wird«, stimmte Eisenberg zu – um wenig später einen Zeitungsartikel, in dem Diewald ihn kritisiert hatte, ein »Pamphlet« zu nennen. Die Endung -er wie in Autofahrer sei »einer der produktivsten Wortbildungsprozesse«; es sei klar, dass damit oft auch Frauen gemeint sind.

Diewald hielt dagegen: »Das Deutsche hat sich aus einem patriarchalischen System entwickelt.« Wähler, Bürger, Steuerzahler waren bis vor 100 Jahren in der Regel tatsächlich Männer, und das klinge noch immer mit. Sobald hingegen ein gemeinhin Frauen bezeichnendes Wort auf einen einzigen Mann angewandt wird, werde es geändert. Beispiele: Hexer und Witwer.

Hier Wähler – dort Witwer

Sie räumte ein, dass das »richtige Gendern« nicht immer einfach ist. Partizipien funktionieren beispielweise nur in der Mehrzahl reibungslos – sobald die/der Studierende oder Beauftragte einzeln auftritt, wird es knifflig.

»Sprache hat immer etwas Anarchistisches, Ungeregeltes«, meinte Felder. Ihre »Vagheit« sei kein Problem, sondern eine Chance. Der Sprachkritiker mahnte: »Niemand darf den Diskurs für beendet erklären. Niemand kann die Wahrheit für sich beanspruchen.«



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