09. Oktober 2018, 21:35 Uhr

Von England bis Italien

Über Europa muss gesprochen werden. Es geht uns alle an. Dieser Meinung waren auch die Teilnehmer der von der GAZ ausgerichteten Veranstaltung »Ein Europa, viele Meinungen«. Ob Brexit, Flüchtlingsfrage oder italienische Rhetorik: Gastrednerin Sibylle Sorg erlebte eine blühende Diskussion.
09. Oktober 2018, 21:35 Uhr
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Burkhard Bräuning (GAZ) und Sibylle Sorg (Auswärtiges Amt) vor den Zuhörern. (Foto: hf)

Knapp 40 Menschen fanden am Montagabend den Weg ins Redaktionsgebäude dieser Zeitung in der Marburger Straße. Mit der Podiumsdiskussion »Ein Europa, viele Meinungen« hatte die Gießener Allgemeine zu einem Gedankenaustausch geladen, der in einer Zeit, in der die EU mit innen- und außenpolitischen Spannungen zu kämpfen hat, wichtig ist. Bei diesem »Bürgerdialog«, der vom Auswärtigen Amt in Zusammenarbeit mit den Tageszeitungen vor Ort durchgeführt wird, war Sibylle Sorg, Beauftragte für die Mitgliedsstaaten der EU im Auswärtigen Amt, zu Gast auf dem Podium. Eine Frau vom Fach also, die in ihrem Beruf vor allem diplomatischen Aufgaben nachgeht.

Nach einer kurzen Einleitung von GAZ-Chefredakteur Dr. Max Rempel und der Begrüßung durch den Moderator und stellvertretenden Chefredakteur Burkhard Bräuning entwickelte sich direkt eine muntere Diskussion, auch wenn das erste Thema aus Sicht Sorgs gar nicht so vordringlich war: »Der Brexit ist nicht das existentielle Problem«, sagte sie. Der Ausstieg der Briten aus der Union stieß bei den Zuhörern aber auf reges Interesse und so entspann sich ein Bogen über die problembehaftete Nordirlandfrage bis hin zu den Auswirkungen basisdemokratischer Entscheide wie dem englischen Nein-Votum. Sorg reagierte auf die vielen Fragen ruhig und sachlich. Und stärkte die Stellung der EU gegenüber den Briten: »Wir müssen die bestmöglichen Scheidungspapiere unterzeichnen.«

Ein mit Wohlwollen angenommener Kniff an diesem Abend war auch die Verwendung von roten und grünen Karten. Demokratie war schließlich auch eines der Kernthemen der Diskussion, und so lag es nahe, diese auch in den Dialog einzubauen. Nach dem Meinungsaustausch zum Brexit stellte Sorg also die Frage ans Plenum, ob der Brexit der Anfang vom Ende der EU sei. Eine klare Mehrheit sah das nicht so und hob die rote Karte.

Nach dem Brexit folgte die »soziale Frage« der EU. Solidarität untereinander oder Anerkennung des eigenen Verdienstes? Das Publikum konnte hier mit viel Fachwissen zu wirtschaftlichen Fragen aufwarten, auch die Rolle Deutschlands im Spannungsfeld der verschiedenen Interessen etwa zwischen west- und ost- und nord- und südeuropäischen Staaten wurde angesprochen. Sorg brachte die Rolle des geografisch in der Mitte liegenden Landes auf den Punkt: Deutschland sei »die Spinne im Netz, die die Truppen zusammenhält«. Auf den erhobenen Zeigefinger müsse man in der Diskussion etwa mit Polen, Ungarn und Tschechien verzichten, stattdessen »die Kommunikation ausbauen mit Ländern, die sich schlecht behandelt fühlen«. Denn Sorg machte auch klar, dass die Sanktionsmechanismen der EU nicht ausreichten, um Länder wie Polen, deren Justizreform Grundrechte gefährde, ernsthaft zu bestrafen. Die Diplomatie sei daher die richtige Alternative.

Das nächste große Thema war dann Italien, dessen jüngst vorgestellter Haushaltsplan eine hohe Neuverschuldung vorsieht. Doch eine Rettung im finanziellen Ernstfall nach dem Vorbild Portugals, Irlands oder Griechenlands könne es für die Italiener aufgrund der Größe ihres Landes nicht geben, stellte Sorg heraus. Bei den Teilnehmern stieß vor allem die rechtspopulistische Rhetorik der Regierung in Rom auf Unmut, ein Gefühl, das Sorg teilte. Die Diplomatin wies aber darauf hin, dass es in Italien »glücklicherweise eine Diskrepanz zwischen Rhetorik und Handeln« gebe.

Zum Schluss kam die Sprache dann doch noch auf die Migrationsfrage, es wurde aber auch schnell klar, dass viele der Zuhörer dieser Thematik überdrüssig waren. Sorg schloss sich an: »Wir dürfen die Flüchtlingsthematik nicht täglich durchdeklinieren.« Das Plenum stimmte zu. Es gäbe schlicht wichtigere Fragen und die Zahlen der Neuankömmlinge seien sowieso rückläufig.

Beim Publikum blieb am Ende der Veranstaltung, die wegen des großen Wissensdurstes ihrer Teilnehmer, statt eineinhalb fast zwei Stunden in Anspruch nahm, vor allem der Gedanke, dass noch mehr gesprochen werden müsse in der Gesellschaft. Dass die EU einen zentraleren Platz einnehmen müsse in der Gedankenwelt der Deutschen. Und, dass es unverständlich sei, dass zu einem informativen Bürgerdialog wie dem am Montag nur knapp 40 Gäste kämen. Auch dem schloss sich Sorg an.

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