17. Juli 2018, 22:11 Uhr

Vom Stiefelabsatz an den Schwanenteich

17. Juli 2018, 22:11 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Antonio De Marianis auf seiner Terrasse in Rödgen. Er ist stolz auf das Erreichte. (Foto: chh)

Am 5. Mai 1973 steigt Antonio De Marianis in Gießen aus dem Zug. Es ist das erste Mal, dass er deutschen Boden betritt. Er ist ganz alleine, die Sprache spricht er nicht. Lediglich ein Zettel bietet ihm ein wenig Orientierung. Ein Freund hat ihn geschrieben. Darauf stehen nur zwei Worte: »Pizza Schwanenteich.«

Es ist jetzt 45 Jahre her, dass Antonio als Gastarbeiter nach Gießen kam. Heute wohnt er mit seiner Ehefrau Monika in Rödgen. »Ich lebe gerne hier. Man ist mit dem Fahrrad schnell in der Stadt, gleichzeitig ist es schön ruhig«, sagt der 67-Jährige und betont, sein Rentnerdasein zu genießen. Mit seiner Frau Moni, dem eigenen Haus samt hübschen Garten, den Besuchen seiner drei Kinder und zwei Enkel, den täglichen Spaziergängen mit Hündin Cora und den Streicheleinheiten mit den Katzen Carla und Gismo. »Es ist ein schönes Leben«, sagt Antonio. Doch er musste lange dafür kämpfen.

»Ich bin 1951 in Martano geboren, ein Ort mit 10 000 Einwohnern in der Nähe von Lecce.« Antonio stammt also aus Apulien, dem Stiefelabsatz von Italien. Eine bitterarme Gegend. Trotzdem habe er eine schöne Kindheit gehabt. »Meine Oma hat uns Kinder sehr geliebt. Jeden Sommer hat sie ein kleines Häuschen am Meer für uns gemietet.« Da es zu jener Zeit weder Autos noch befestigte Straßen in Martano gab, sei die Familie immer mit der Kutsche zur zehn Kilometer entfernten Adria-Küste gefahren. Seine Jugend sei hingegen schwer gewesen. »Meine Eltern hatten wenig Geld. Deshalb musste ich mit 13 von der Schule. Ich habe dann als Maurer gearbeitet, um die Familie zu unterstützen.« Eine Perspektive war das jedoch nicht. Wie viele seiner Altersgenossen zog es ihn daher in die Ferne. Nur wenige Tage, nachdem er seinen Militärdienst abgeleistet hatte, setzte er sich in den Zug. Das Ziel: Gießen.

Über einen Freund ergatterte der damals 22-Jährige in der »Pizza Schwanenteich«, dem heutigen »La Perla«, einen Job. Nach einem knappen Jahr wechselte er in die Pizzeria West. »Dann habe ich meine Frau kennengelernt«, sagt Antonio und erzählt, dass er Moni eines Nachts in der damaligen Discothek »Bristol« getroffen habe. Kurz darauf läuteten schon die Hochzeitsglocken – was im Umfeld des Paares keine allzu großen Begeisterungsstürme auslöste. »Die Leute waren schockiert: Wie kann die Moni nur einen Italiener heiraten?«, erinnert sich die Rödgenerin. Auch Antonios Familie sei nicht begeistert gewesen, vor allem der Vater nicht. Während des Zweiten Weltkriegs war er von den Nazis nach Deutschland deportiert und in ein Arbeitslager gesteckt worden. Er hatte also keine guten Erinnerungen an das Land. Und dann auch noch eine deutsche Frau? Antonio lacht: »Das fand er scheiße.«

Alles alleine aufgebaut

Doch die beiden ließen sich nicht beirren. Sie zogen zusammen, Antonio wechselte von der Pizzeria – »den Gestank nach Knoblauch und Öl ist man nicht mehr losgeworden« – zur Polsterei Matrapol und später dann zur Gummifabrik Poppe, wo er wie so viele Italiener schaffte. Das große Geld verdiente das Paar nie. Und trotzdem erfüllte es sich 1998 mit dem Kauf des Hauses in Rödgen einen Traum. »Ich habe gerne in der Stadt gewohnt. Viele Menschen, viele Geschäfte. Aber jetzt schätze ich die Ruhe, die wir hier in Rödgen haben«, sagt der 67-Jährige.

Während für viele Deutsche Bella Italia ein Sehnsuchtsort ist, hat Antonio in Gießen sein Glück gefunden. Ob er etwas aus seiner alten Heimat vermisst? »Das Meer! Ich liebe das Meer«, platzt es aus ihm heraus. Seine Ehefrau lacht: »Ich habe ihm schon ein paar Mal gesagt: Lass’ uns die Hütte verkaufen und nach Italien ziehen. Aber er will nicht.« Antonio nickt. »Wir haben uns hier etwas aufgebaut. Ein eigenes Haus, wir sind schuldenfrei. Das haben wir alles alleine geschafft. Das will ich nicht aufgeben.«

Zumindest nicht dauerhaft. Denn in den Ferien reist er gerne nach Italien. Die Geschwister besuchen, in seiner geliebten Adria baden. In wenigen Tagen ist es wieder so weit. »Ich fliege mit meinen beiden Enkelkindern runter. Das wird schön, ich freue mich.« Genauso freue er sich aber auch auf die Rückkehr nach Gießen. Auf seine Ehefrau, den Garten, Hündin Cora und die Katzen. Anders ausgedrückt: Auf sein Zuhause.



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