26. April 2016, 12:33 Uhr

Vom Räuber geküsst

Gießen (sha). Nach einem Überfall auf ein Geschäft am Kreuzplatz muss sich ein Student derzeit vor dem Landgericht verantworten.
26. April 2016, 12:33 Uhr
In diesem Laden erbeutet der Täter im vergangenen September gut 600 Euro. (Foto: Oliver Schepp)

Erst hält der Mann ihr ein Messer an den Bauch, später umarmt und küsst er sie. Dabei führen die 25-Jährige und der drei Jahre ältere Mann gar keine Beziehung, noch nicht einmal eine äußerst schlechte. Sie begegneten sich zufällig am 6. September vergangenen Jahres. In einem Geschäft am Kreuzplatz: Sie als Verkäuferin, er als Räuber.

Unmittelbar nach dem Überfall habe sie »20 Minuten lang gar nichts sagen können«, berichtete das Opfer. Das war am Montag anders: Vor der Neunten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts schilderte die 25-Jährige aus Homberg (Ohm) lebhaft, was ihr an jenem verkaufsoffenen Sonntag widerfahren war. Kurz vor Ladenschluss gegen 17.45 Uhr habe der Angeklagte die Filiale des Papierwarenladens betreten. Außer ihm seien lediglich noch zwei weitere Kundinnen mit einem kleinen Kind im Verkaufsraum gewesen. Da der Mann zur Kasse gegangen sei, sei sie ihm gefolgt und habe gefragt, ob sie ihm helfen könne, berichtete die Verkäuferin. Als sie zur Antwort nur ein gedehntes »Ja« erhielt, aber der Mann sich nicht zu ihr gedreht habe, sei sie hinter die Kasse getreten.

»Seine Hand war voller Blut«

Da sei der Unbekannte, dessen Gesicht bis unter die Augen mit einem Wollschal bedeckt gewesen sei, plötzlich aktiv geworden, erzählte die Oberhessin: Er habe aus einem seiner Ärmel ein Messer gezogen und ihr vor den Bauch gehalten. Erschrocken habe sie festgestellt, »dass seine Hand voller Blut war«. Vermutlich habe er sich schlicht selbst an der Klinge verletzt, vermutete die Zeugin am Montag, doch am Tattag hatte sie Angst: »Ich dachte, der hat schon einen Überfall gemacht.« Der Mann habe sie aufgefordert, ganz ruhig zu bleiben – »sonst steche ich dich ab!« Dann habe er Geld aus der Kasse verlangt. Nachdem sie diese geöffnet hatte, habe er selbst hineingelangt und Münzen wie Scheine in einem Jutebeutel verschwinden lassen. Gut 637 Euro, wie sich später herausstellte.

Eine Kundin sei auf das Geschehen aufmerksam geworden. Weil der Täter wohl »nicht auffallen« wollte, habe er sie plötzlich umarmt und auf die Schläfe geküsst, berichtete das Opfer. Davor habe er noch gesagt, dass es ihm leid tue und er das Geld brauche. Dann sei er hinausgegangen. Die genannte Kundin habe auf ihr Bitten hin die Polizei gerufen.

Der Angeklagte, ein 28-jähriger Student aus Gießen, entschuldigte sich vor Gericht erneut bei dem Opfer für die Tat. Auch den zweiten Anklagepunkt, einen – allerdings erfolglosen – Banküberfall am 8. August 2013 in Hanau sowie einen versuchten Handtaschenraub, gab er zu. »Der Suchtdruck war allgegenwärtig«, erklärte der in Baden-Württemberg geborene Mann. Mit 15 habe er nach dem Tod seines Vaters intensiv zu kiffen angefangen. Nach einer Unterbrechung habe er dann wieder mit Drogen angefangen, als eine langjährige Beziehung zu Ende ging. Heroin, Crack und Tabletten habe er genommen. Im Rausch habe er sich verplappert und bei einem Nachbarn die Straftaten zugegeben. Der verständigte die Polizei, die den 28-Jährigen im vergangenen November festnahm. Der Prozess wird fortgesetzt.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Crack
  • Geschäfte
  • Polizei
  • Räuber
  • Studenten
  • Überfälle
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos