07. August 2017, 19:00 Uhr

Pascoe

Vom Feld ins Fläschchen

Regionale Produkte, das sind Obst und Gemüse vom Markt. Aber nicht nur. In Gießen zählen auch Tigerlilie und Ringelblume dazu. Vor den Toren der Stadt geerntet, werden sie bei Pascoe zu Naturmedizin verarbeitet.
07. August 2017, 19:00 Uhr
Alles in Ordnung? Michael Willems schaut sich die Tigerlilien an, die Agraringenieur Dieter Müller geliefert hat. (Foto: Schepp)

Mit beiden Händen packt Antonios Mantzelas die großen Bündel und füttert ein Gerät, das aussieht wie eine Mischung aus Schredder und Fleischwolf. Stiele, Blätter, Blüten verschwinden im Metallschlund der gefräßigen Maschine. Was unten herauskommt, ist nicht mehr schön anzuschauen: Statt der stolzen orangefarbenen Blüten mit dem aparten Tigermuster sieht man nur noch eine grünbraune, breiige Masse.

Doch bevor das Bedauern über das tragische Ende der Lilien Raum greift, erinnert Dr. Michael Willems, Apotheker und bei Pascoe zuständig für Qualitätskontrolle, an die künftige Bestimmung von »Lilium Tigrinum«: Sie wird Pascofemin beigemischt, einem homöopathischen Arzneimittel, das bei Menstruationsbeschwerden eingesetzt wird. »Die Ausgleichende« steht in dem Ruf, sich wohltuend auf hormonell bedingtes physisches und psychisches Unwohlsein auszuwirken. Doch von der Pflanze bis zu den Tropfen und Tabletten ist es ein langer Weg.

Spannung bis zum Schluss

Der hat früh am Morgen mit der Ernte der Pflanzen begonnen. In der Morgendämmerung haben die Mitarbeiter von Agraringenieur Dieter Müller sich auf dem 4000 Quadratmeter großen Feld an die Arbeit gemacht. 300 Kilogramm Lilien hatte die Firma im Schiffenberger Tal bestellt, doch bis zum Schluss war nicht klar, ob es klappen würde mit der Lieferung. »Wenn die Pflanze nass ist, eignet sie sich nicht zur Verarbeitung«, erklärt Produktionsleiter Dr. Rudolf Unger. Der Feuchtigkeitsgehalt ist hoch, da kann man zusätzliches Wasser nicht brauchen. Unger ist wie Willems Apotheker und begleitet den Prozess der Herstellung mit Leidenschaft. »Dass wir einen auf Heilpflanzen spezialisierten Landwirt in direkter Nachbarschaft haben, ist ein großes Glück«, freut sich der Produktionsleiter.
 

 
Fotostrecke: So produziert die Giessener Firma Pascoe Naturmedizin

Das ganze Jahr hindurch liefert der Staufenberger Produkte von seinen Feldern an Pascoe: Gänseblümchen, Löwenzahn, Ringelblume und vieles mehr. Die kurzen Transportwege sind ebenso ungewöhnlich wie ideal. Nach der Ernte ist Eile geboten. »Es dürfen keinerlei Fäulnis- oder Gärungsprozesse beginnen«, sagt Unger. Der zerkleinerten Pflanzenmasse wird nach der Qualitätsprüfung und Feststellung des Wassergehalts Ethanol – also hochprozentiger Alkohol – beigemengt.

Tinkturen unterschiedlichster Art

Anschließend wird die Flüssigkeit zehn Tage lang täglich mehrere Minuten in einer Art Riesenmixer gerührt. Alle festen Bestandteile werden schließlich abgepresst und ausgefiltert, bis letztlich die sogenannte Urtinktur übrig bleibt. Diese dient in der Homöopathie als Basis für potenzierte Arzneien. Urtinkturen ganz unterschiedlicher Art lagern im Reich von Antonios Mantzelas, und auch gut verschlossene Säcke voller Trockenextrakte warten in den kühlen Kellerräumen auf ihre weitere Verwendung. Bei Basilikum, Pfefferminze, Kümmel und Kamille schnuppert man sich gerne durch die Bestände, Baldrian müffelt dagegen streng und ein wenig nach Schweiß.

Die Lilienfelder vor der Haustür sind ein großes Glück für uns

Rolf Unger, Apotheker
In hochtechnisierten Produktionsräumen geht der Prozess ein Stockwerk höher weiter. Dort findet das computergestützte Einwiegen der Arzneien statt. Hinter transparenten Schutzvorhängen mischen Mitarbeiter, bekleidet mit weißen Kitteln und mit Mundschutz und Handschuhen versehen, die Tinkturen, die später in den Regalen der Apotheken stehen und bei Nervosität, Halsweh, Durchfall oder Magenkrämpfen helfen. Unsere Tigerlilie geht eine Partnerschaft ein mit Mönchspfeffer, Traubensilberkerze und Ignatiusbohne.

Kein Placeboeffekt bei Babys

Zur heiß diskutierten Frage, ob Naturmedizin hilft oder eher der Glaube daran, zuckt Willems, der in wenigen Tagen in den Ruhestand geht, nur kurz mit der Augenbraue: Für ihn ist es keine Frage. Er hat die heilende Wirkung in seinem Berufsleben oft beobachtet, auch in der eigenen Familie, erzählt der Vater von vier Kindern. »Den Placeboeffekt kann es ja bei Babys nicht geben«.

Viele Frauen, so seine Beobachtung, haben mit Pascofemin sehr gute Erfahrungen gemacht. »Es lindert die Beschwerden«, sagt er. Das bewährte Mittel gibt es schon lange, und in den 50er Jahren stand auf der Packung: »Ein Juwel für jede Frau und jedes junge Mädchen, das Jugendfrische erlangen und sich erhalten will. Ein wahres Verjüngungs-Elixir«. Diese blumigen Versprechen sind heute weder erlaubt noch zeitgemäß. Verlockend klingt es trotzdem.

Infokasten

Pascoe-Richtfest Mitte August

Pascoe ist ein traditionsreicher Betrieb im Bereich Naturheilkunde. Das Familienunternehmen im Schiffenberger Tal hat sich seit 1895 zu einem der führenden nationalen und internationalen Naturmedizinhersteller entwickelt. Rund 200 Beschäftigte arbeiten am Stammsitz in Gießen sowie der Zweigniederlassung in Wien und einem Tochterunternehmen in Toronto. Mitte August wird im Europaviertel das Richtfest des Neubaus gefeiert.

 

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