25. Mai 2009, 20:28 Uhr

»Vollblutpädagoge« mit Spitzen-Abschlussnote

Gießen (kw). Auf das Sozialwissenschaften-Studium noch Sport und eine Lehramt-Prüfung draufsatteln, um den Schuldienst anzustreben? Als Joachim Ullrich vor gut vier Jahren mit dieser Idee zur Studienberatung kam, erfuhr er nicht gerade Ermutigung.
25. Mai 2009, 20:28 Uhr
Erst mit 28 entschloss sich Joachim Ullrich zum Lehrerberuf - und hat es nicht bereut.

Gießen (kw). Auf das Sozialwissenschaften-Studium noch Sport und eine Lehramt-Prüfung draufsatteln, um den Schuldienst anzustreben? Als Joachim Ullrich vor gut vier Jahren mit dieser Idee zur Studienberatung kam, erfuhr er nicht gerade Ermutigung. »Die haben mir ziemlich deutlich gesagt, mit Politiklehrern könne man die Straße pflastern«, erinnert sich der 32-Jährige. Halb im Scherz habe er daraufhin Freunden angekündigt: Und wenn ich das beste Examen Hessens machen muss - ich schaffe das! Das ist dem Wahl-Gießener und Top-Footballer nun gelungen. Im Zweiten Staatsexamen schaffte er einer Abschlussnote von 1,1 - die wohl beste, die ein angehender Lehrer in den letzten Jahren in Hessen erreicht hat.

Als landesweit bester Referendar an Gymnasien ist Ullrich jetzt in Kassel ausgezeichnet worden, und zwar im Rahmen des Wettbewerbs KUSS (Kompetenz an Universität, Seminar und Schule) des Amts für Lehrerbildung. Neben einem Atlas und einem Büchergutschein gab es eine Einladung zu einer Fortbildungsveranstaltung für künftige Führungskräfte in der Bildungsverwaltung. Vorerst wolle er aber vor allem mit Schülern arbeiten, sagt Ullrich beim Pressegespräch. Ihn freute vor allem, dass er nach seinem Referendariat an der Weidigschule in Butzbach unter mehreren guten Schulen auswählen konnte, die um ihn warben: »Das hätte ich mir vor vier Jahren nie träumen lassen.«

Seines Wissens sei ein solch guter Notenschnitt noch nie vorgekommen, seit im Jahr 2005 das neue Lehrerbildungsgesetz in Kraft trat, sagt Wolfgang Schülting-Enkler, Leiter des Studienseminars für Gymnasien in Gießen. Ullrich sei ein »intellektuell ausgezeichneter Pädagoge«, der im Referendariat darüber hinaus stets soziales Engagement gezeigt habe.

In Butzbach hat »Jo« Ullrich nicht nur mit fachlich und methodisch gutem Unterricht in Sport sowie Politik und Wirtschaft (PoWi) geglänzt, sondern auch viele besondere Akzente gesetzt. So besuchte er mit Schülern das Rathaus oder eine Gerichtsverhandlung. Mit Achtklässlern organisierte er englischsprachiges Footballtraining - über dieses Projekt schrieb er dann auch seine Examensarbeit. Das Thema lag nahe für den American Footballer, der als Quarterback sowohl bei den Marburg Mercenaries als auch bei der deutschen Nationalmannschaft spielt.

Die sportliche Arbeit mit Jugendlichen - unter anderem war er acht Jahre Offense-Trainer der Hessenauswahl - habe ihn auf den Gedanken gebracht, nach dem Diplom in Sozialwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität noch Lehrer zu werden, erzählt Ullrich. »Eigentlich wollte ich in die Markt- und Meinungsforschung.« Nun sei er glücklich mit seinem Traumberuf. und könne andere geeignete junge Menschen nur bestärken, Lehrer zu werden. Leider schrecke das schlechte Image des Berufs manche ab.

Ullrich sei ein »Vollblutpädagoge«, sagt Karin Buss, seine Ausbilderin an der Weidigschule. All seine Aktivitäten habe er nicht für den »Showeffekt« entfaltet, sondern »mit Blick auf die Frage: Was bringt es den Schülern?« Zugleich habe er sich den eigenen Problemen offen gestellt. Keiner ihrer bisherigen Referendare habe sie so häufig in seinen Unterricht eingeladen und um Rat gefragt. »Er ist ganz aktiv mit allen Fragen und Herausforderungen umgegangen.« Ullrich seinerseits hebt die Unterstützung hervor, die er in Butzbach bekommen habe. »Ich habe mich pudelwohl gefühlt. Es ist eine grandiose Schule für Ausbildung. « Das Angebot der Weidigschule zum Bleiben schlug der junge Lehrer nach einiger Überlegung aber doch aus. Er wechselte zum Johanneum in Herborn; die größeren Sportanlagen dort gaben letztlich den Ausschlag.

In Gießen wohnen möchte Ullrich weiterhin. »Mittelhessen ist meine zweite Heimat geworden«, sagt der Arbeitersohn aus Erlensee, der vor acht Jahren von den Hanauer zu den Marburger Footballern wechselte und deshalb an seinen Studienort zog. Ihm gefalle in der Universitätsstadt vor allem die Offenheit der Menschen: »Man kommt schneller ins Gespräch als in der Rhein-Main-Region.« (Foto: pv)

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