26. September 2019, 22:17 Uhr

Vielschichtiger Blick auf Abtreibung

26. September 2019, 22:17 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner

Schwanger, Hilfe, was nun? In Panik entscheidet sich die junge Frau für eine Abtreibung, illegal natürlich, denn man schreibt das Jahr 1968. Einen zweiten Schwangerschaftsabbruch erlebt sie, weil sie »frei« sein will, 1975, das gilt damals in ihren Kreisen als »normal«. Erst heute könne sie ihre Gefühle der Trauer und Reue zulassen, schildert die 69-Jährige. »Trotzdem bin ich der Meinung, dass eine Frau über ihren Körper selbst bestimmten sollte und nicht ein Gesetz oder irgendwelche Fanatiker/innen.«

Das »Elend« unerwünschter Kinder

Deshalb unterstützt sie die Kampagne zur Streichung des Strafgesetzbuch-Paragrafen 219a. Vielschichtig haben fünf Frauen ihre Erfahrungen mit Abtreibungen geschildert für eine Ausstellung des Aktionsbündnisses Pro Choice (für Wahlfreiheit) Gießen.

Unter dem Titel »Frauen zeigen Gesicht« präsentiert sich die junge Gruppe in der Walltorstraße 3. Die anonym und diskret in einer Mappe gesammelten Lebensgeschichten bilden einen von drei Themenschwerpunkten. Frauen haben sie eingesandt, nachdem die wegen »Werbung« für Abtreibung verurteilte Ärztin Kristina Hänel dazu aufgerufen hatte. Hänels wie auch die Botschaft der Zeitzeuginnen: Ist ein straffreier Abbruch samt sachlicher Information nicht möglich, so ist die Folge sehr oft die Fahrt in die Niederlande oder der Gang zum »Kurpfuscher«. Der kann die Frau ihre - körperliche oder psychische Gesundheit - kosten, oder sie stirbt daran wie die Tante einer Einsenderin. Diese war in der Nachkriegszeit von einem Besatzungssoldaten schwanger.

Fünf bedrückende Geschichten sind zu lesen, etwa von einem Mädchen, das von der eigenen Familie »verkauft« und fünfmal zum Abbruch gezwungen wird; oder von einer 14-Jährigen, deren 32 Jahre alter verheirateter Freund sie nötigt, mit einer Rouladennadel eine Fehlgeburt einzuleiten. Alle meinen: Ihnen und dem Ungeborenen nützen »verblendete Argumente und Fanatismus« nichts, wohl aber »Aufklärung und Hilfsangebote« durch kompetente Fachleute. Genau dies werde erschwert durch den Paragrafen 219a.

Wie Hänels Kampagne sie aufrüttelte, schildern - zweites Thema - Pro-Choice-Aktive mit Fotos und Statements. Darunter sind auch Männer, etwa einer, den es empört, »wie mit Frauen und Ärzt*innen, die helfen wollen, umgegangen wird«. »Mir macht die rückwärtsgewandte Entwicklung nicht nur in Deutschland, sondern weltweit große Sorge«, erklärt eine Frau. Eine Ärztin hat »gesehen, wie elend, qualvoll und auch kurz das Leben unerwünschter Kinder sein kann, die oft schon pränatal geschädigt werden«.

Das dritte Thema »Eine Tonne Hass« besteht aus zerknüllten E-Mail-Ausdrucken in einem Abfalleimer. Wer sie glattstreicht, bekommt Einblicke in Angriffe, Drohungen und Beleidigungen, die Hänel in den letzten zwei Jahren bekommen hat. Kostproben: »Sie und Ihre Abtreibungsfreunde sollten froh sein, dass Ihre Mütter den Anstand hatten, Sie zur Welt zu bringen. Beim Einen oder Anderen wäre die andere Lösung, nunja, lassen wir das...«, »Ihr perversen Eugeniker« oder »Denken Sie mal über einen Wachdienst für Ihre Praxis nach, Ihrem Personal zuliebe.«

Vor allem aber erhält die 62-Jährige Zuspruch - auch von den rund 30 Besucherinnen und Besuchern der Ausstellungseröffnung. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz hat ein Grußwort geschickt: Die SPD-Politikerin erklärt sich solidarisch mit allen, die - auch nach dem Kompromiss zwischen ihrer Partei und der CDU auf Bundesebene - weiterhin für die Abschaffung des Paragrafen 219a eintreten. Es gehe um »Selbstbestimmung der Frauen«, so Grabe-Bolz.

Pro-Choice-Aktive zeigen Gesicht. Ihre Bilder hängen an Drahtkleiderbügeln, die illegale Schwangerschaftsabbrüche symbolisieren. Hass-E-Mails an Kristina Hänel sind zerknüllt in einer Tonne gesammelt. (Fotos: kw)



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