30. Juli 2009, 22:24 Uhr

»Viele Kunden denken, wir seien nicht mehr da«

Gießen (kw). Die Sanierung des Dach-Café-Gebäudes macht Geschäftsleuten zu schaffen - auch denen im Erdgeschoss des benachbarten Nürnberger-Hochhauses. Dort wurde vor einer Woche eine zusätzliche Absperrung eingerichtet.
30. Juli 2009, 22:24 Uhr
Vor dem eigentlichen Bauzaun ist vor einigen Tagen eine weitere Absperrung aufgebaut worden - wie »im Tunnel« fühlen sich die Ladenbetreiber dahinter. (Foto: Schepp)

Und das ohne Ankündigung, kritisiert Ralf Kohlheyer, Inhaber der Rickerschen Universitätsbuchhandlung. Nur der Findigkeit des Fahrers sei es zu verdanken, dass eine Anlieferung am frühen Samstagmorgen im Laden ankam. Bereits gegen fünf Uhr morgens werden dort die ersten Bücher hingebracht, die Lieferanten haben den Schlüssel. Ärgerlich ist für Kohlheyer auch das Schildchen, das am Anfang der Fußgänger-Sackgasse angebracht wurde: Die Facharztpraxis und die Apotheke seien zu erreichen, stand dort tagelang; von der Rickerschen oder der Goldschmiede war keine Rede. Zwar habe die Bauleitung nun Abhilfe versprochen, und die Lieferanten dürften die Gitter zur Seite räumen, schildert der Buchhändler im AZ-Gespräch. Doch er wünsche sich eine zuverlässigere Planung.

Nicht nur die Existenz in einem »Tunnel« hinter den Sperren beeinträchtige die Geschäfte der Fachbuchhandlung. Manchmal seien Telefongespräche wegen des Lärms unmöglich. Und weil viele Kunden größere Mengen etwa an Schul- oder Fachbüchern bestellen, sei auch das Fehlen von Haltemöglichkeiten ein großes Problem. »Wir bringen vermehrt Waren zur Ansicht zu den Kunden, die nicht ins Geschäft kommen können oder wollen«, so Kohlheyer. Er beabsichtige demnächst über irgendeine Art von finanziellem Ausgleich zu verhandeln.

Für die völlig hinter dem Bauzaun verschwundene Apotheke habe sie mit der Wohnbau GmbH von Anfang an eine Mietminderung vereinbart, berichtet Mira Sellheim. Die Organisatoren gäben sich Mühe und sorgten bisher - wie sie es sich gewünscht habe - beispielsweise für einen ebenen Zugang, den auch Gehbehinderte gut nutzen können. Außerdem zeigt die Apothekerin Verständnis dafür, dass bei einer derart großen Baustelle Maßnahmen wie die Absperrung manchmal plötzlich nötig werden. Ein »Riesenproblem« sei aber auch für sie, dass es keinen Durchgang mehr in Richtung Gartenstraße gibt: Niemand kommt mehr einfach so an der Apotheke vorbei. Zudem müssen die Medikamenten-Anlieferer - sie kommen bis zu siebenmal am Tag - weitere Wege auf sich nehmen. Die Stammkunden akzeptierten zwar den Umweg, erläutert Mira Sellheim. Weil Haltemöglichkeiten fehlen, sei es aber schwieriger geworden, quasi im Vorbeifahren schnell ein Rezept einzulösen. Die Umsatzeinbußen seien deutlich spürbar. Und schon das vergangene Jahr sei nicht leicht gewesen, als der Berliner Platz wegen der Rathausbaustelle ein halbes Jahr lang in Richtung Ludwigstraße gesperrt war. Nahe Parkplätze vermisst auch Karin Scriba. »Wir leben nun mal von Kunden, die von auswärts mit dem Auto kommen. Und gerade Frauen fahren ungern ins Parkhaus«, weiß die Inhaberin der Goldschmiede. Zu sehr jammern will sie aber nicht - schließlich gehe es vielen anderen Gießener Geschäftsleuten nicht besser: »Wenn man den Seltersweg oder die Bahnhofstraße sieht ...«

Die Absperrung eines zusätzlichen »Baufensters« sei kurzfristig nötig geworden, erläutert Bauleiter Michael Röhrich von der Wohnbau. Die städtischen Behörden hätten zu große Gefahren darin gesehen, dass immer wieder schwere Baufahrzeuge in den Verkehr hineinragten. Mit niedrigen Gittern, die sich überdies leicht wegräumen lassen, habe man versucht, den Geschäftsleuten entgegenzukommen. Allerdings sei es ein Versäumnis gewesen, sie nicht alle sofort zu informieren. Dass die Buchhandlung am frühen Samstagmorgen beliefert wird, »war uns nicht klar«, räumt Röhrich ein.

Die zusätzliche Absperrung werde voraussichtlich so lange stehen wie der große Kran, nämlich bis Oktober. Mit dem Abschluss der Arbeiten rechne er Ende Juni 2010. Dann bekämen die Ladeninhaber nicht nur eine attraktivere Umgebung, sondern auch eine bessere Verkehrssituation, betont Röhrich: Im Zuge der Neugestaltung des Ludwigsplatzes sei auch an eine Anlieferzone gedacht, die es bisher noch nicht gibt.



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