13. September 2019, 11:00 Uhr

Führerschein

Viele Gießener machen keinen Führerschein mehr

Endlich 18 - jetzt ans Steuer, möglichst im eigenen Auto! Diese Sehnsucht ist für viele Jugendliche verblasst. Etliche verschieben den Führerschein auf später - auch in Gießen.
13. September 2019, 11:00 Uhr
Auch der Gießener Fahrlehrer Deniz Sahin hat viele Schüler, die das Teenageralter längst hinter sich haben. (Foto: Schepp)

Kind, mach doch den Führerschein, drängen Papa und Mama ihre knapp 17-jährige Tochter. Die hat dazu keine allzu große Lust. Sie gelangt ja auch so überall hin. Außerdem muss sie viel für die Schule lernen und hat ein Auge auf diesen Jungen geworfen. Zurückhaltend gehen immer mehr Jugendliche das Thema Autofahren an, vor allem wenn sie in Städten leben. Dieser bundesweite Trend ist auch in Gießen zu beobachten.

Verblasst ist die Bedeutung des 18. Geburtstags, bestätigen Fahrlehrer im GAZ-Gespräch. Einst fieberten viele dem Datum entgegen, an dem sie sich endlich offiziell ans Steuer setzen durften, möglichst im eigenen Auto. Heute nutzen die einen schon lange vorher die Möglichkeit des »begleiteten Fahrens« mit 17. Die anderen verschieben den Führerschein auf später: Zum Beispiel weil sie mindestens 1500 Euro dafür erst einmal zusammensparen müssen oder weil sie ihr Geld zunächst lieber für Reisen ausgeben. Vorausgesetzt, der öffentliche Nahverkehr samt Nachtbussen, das bequeme »Elterntaxi« oder das Fahrrad reichen ihnen für die alltäglichen Wege aus.

Dass das auch in und um Gießen gilt, belegen die Zahlen der Führerscheinbehörde beim Landkreis. Die Anträge auf »BF 17« haben im vergangenen Jahr einen Tiefstand erreicht: Nur noch 1427 Jugendliche aus Stadt und Kreis wollten schon vor der Volljährigkeit ans Steuer. 2014 wurde mit 1572 der Rekord der letzten Jahre registriert. Vergleichsdaten zur Stärke der jeweiligen Jahrgänge liegen nicht vor.

Der Rückgang wiegt insofern schwer, als zugleich die Zahl der Erstanträge auf Erteilung der Fahrerlaubnis steil nach oben geht: 2900 waren es im Jahr 2018, sechs Jahre zuvor nur 1900. Dies liege allerdings auch daran, dass immer mehr Ausländer ihre Führerscheine umschreiben lassen, erklärt der Kreis. Seit 2015 habe diese Zahl um etwa ein Drittel zugenommen. Nicht nur Flüchtlinge stellten solche Anträge, sondern wegen gesetzlicher Änderungen auch EU-Bürger.

»In Hamburg habe ich früher nie ein Auto gebraucht, in meinen ersten Semestern in Gießen genauso wenig«, erzählt eine 23-Jährige. Erst kürzlich hat die Tiermedizin-Studentin die Führerscheinprüfungen abgelegt, weil Praktika im ländlichen Raum anstehen. Im Rückblick sieht sie nur ein einziges Manko: »Manchmal war es vielleicht ein bisschen unangenehm, wenn Freunde mich mitgenommen haben und ich sie umgekehrt nie. Aber die lädt man eben mal zum Essen ein.«

Einen anderen Nachteil des späteren Führerscheins hebt der Fahrschulinhaber Zeynal Sahin hervor: Das »begleitete Fahren« fällt weg. Seine Erfahrungen wie auch Studien belegen, dass der Austausch mit dem Beifahrer - meistens den Eltern - die Unfallgefahren für Fahranfänger senkt. »Wer den Führerschein später macht, sitzt gleich allein im Auto«, sagt der Fahrlehrer.

Sahin hat etliche Schüler, die bereits die 20 überschritten haben. Vielen fehlte zuvor das Geld. Die ältesten Kundinnen - meistens Frauen, bei denen bisher der Ehemann am Steuer saß - sind über 60 Jahre alt.

Liebe zum (eigenen) Auto kühlt ab

Gerade in der Stadt Gießen hat die Fahrschule Graf etliche Schüler, die bereits studieren, berichtet Geschäftsführerin Regina Rotter. Vielen erschien das Autofahren samt Staus und Parkplatzsuche zunächst nicht sonderlich attraktiv. »Irgendwann merkt man dann, dass man ohne Führerschein beruflich nicht flexibel ist.«

Deutlich verändert habe sich die Einstellung zum einstigen Statussymbol. »Ein Auto ist heute ein Fortbewegungsmittel«, sagt Rotter. »Es muss günstig sein und vielleicht elektronische Medien abspielen. Tieferlegen oder Alufelgen sind nur noch für wenige wichtig.« Das gilt auch für die ganz jungen Fahranfänger, betont Sahin: Etliche können den Familien-Zweitwagen mit der Mama teilen und ziehen diese bequeme Lösung dem eigenen Auto vor.

Das steigende Umweltbewusstsein habe dazu beigetragen, dass die einstige Liebe zum fahrbaren Untersatz abgekühlt ist, ergänzt Fahrschulinhaber Andreas Deusch. »Für viele steht der Führerschein nicht mehr an erster Stelle.« 16- bis 17-Jährige konzentrierten sich eher auf die Schule und auf die erste Liebe. Eine große Rolle spiele zudem das Entgegenkommen der Eltern. »Ich hatte einen 30-jährigen Fahrschüler, den die Mutter bis dahin jeden Tag zur Arbeit gefahren und abgeholt hatte. Wenn das immer so weitergegangen wäre, hätte er den Führerschein vielleicht nie gemacht.«

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