28. November 2015, 09:00 Uhr

Verzicht auf Konsum: Heute Kauf-nix-Tag

Heute ist Kauf-nix-Tag. Man soll an diesem Tag auf Konsum verzichten. Kein Geld ausgeben. Klingt gar nicht so schwer? Stimmt – zumindest wenn Tank und Kühlschrank voll sind. Außerdem: Wie kommt man ohne Geldausgeben am redaktionsinternen Kaffeeautomaten vorbei? Ein Selbstversuch.
28. November 2015, 09:00 Uhr
Der Kaffeeautomat ist tabu. Muss man sich eben mit ausreichend Thermoskannen von zu Hause eindecken. (Foto: Oliver Schepp)

Ich bin gerade erst aus dem Urlaub zurück. Für meinen Selbstversuch, einen Tag kein Geld auszugeben, ist das Fluch und Segen zugleich. Da ich noch nicht zum Einkaufen gekommen bin, befindet sich im Kühlschrank nicht viel mehr als eine Tube Senf. Aus dem Butterbrot für die Mittagspause wird also nichts. Der zurückliegende Urlaub hat aber auch den Vorteil, dass ich eine Stange zollfreie Zigaretten mein Eigen nenne. Andernfalls wäre der Selbstversuch an dieser Stelle zu Ende.

Der Buy Nothing Day wurde 1992 von einer kanadischen Medien- und Werbeagentur ins Leben gerufen. Durch einen 24-stündigen Konsumverzicht soll gegen »ausbeuterische Produktions- und Handelsstrategien internationaler Konzerne und Finanzgruppen« protestiert werden. Der Kauf-nix-Tag ist auch eine Antwort auf den »Black Friday«, der in den USA die Weihnachtseinkaufsaison einläutet.

An Weihnachtsgeschenke denke ich noch nicht, mir geht es um Grundlegendes. Der redaktionsinterne Kaffeeautomat ist heute tabu. Ich spiele mit dem Gedanken, meine eigene Kaffeemaschine mit zur Arbeit zu nehmen, ein Blick meiner Freundin unterbindet diesen Plan jedoch. Also muss ich vorarbeiten. Bevor ich losgehe, läuft die Kaffeemaschine auf Hochtouren. Mit drei Thermoskannen bewaffnet verlasse ich das Haus. Normalerweise gehe ich zu Fuß in die Redaktion. Um den Spießrutenlauf vorbei an nach Croissants und Cappuccino duftenden Bäckereien zu vermeiden, steige ich heute jedoch ins Auto – und merke, dass die Tanknadel schon im Reservebereich liegt. Egal, für die paar Meter wird es reichen. Die ersten Stunden in der Redaktion sind dank Kaffee und Kippen kein Problem, doch dann beginnt der Magen zu knurren. Als sich die Kollegen in die Kantine verabschieden, schlägt die Erkenntnis mit voller Kraft zu: Heute ist Schnitzel-Tag. Das ist bitter.

Ein Freund wohnt um die Ecke. Ich könnte mich zum Mittagessen einladen, ein Anruf verrät aber, dass er nicht zu Hause ist. Wohin dann? Ich könnte natürlich zur Tafel gehen oder das Foodsharing-Angebot im Café Amelie nutzen, aber das würde die Ernsthaftigkeit solcher Einrichtungen untergraben. Also schleiche ich zum Auto und fahre mit dem letzten Tropfen Sprit nach Hause. Doch was soll ich essen? Die Tube Senf? Nudeln mit Ketchup? Solche Zeiten sollten seit dem Studium eigentlich vorbei sein. Beim Blick ins Tiefkühlfach erhellt sich meine Miene: Unter Kühlakkus und Eiswürfeln entdecke ich eine Pizza. Während sie im Ofen liegt, fülle ich meine Kaffeereserven auf. Mit meinen Thermoskannen beladen laufe ich zurück in die Redaktion. Mein Weg führt mich am Kirchplatz vorbei. Ich beobachte, wie die Beschicker ihre Weihnachtsbuden aufbauen. Wer am heutigen Samstag auf Konsum verzichten will, hat es auch nicht leicht: Reibekuchen, gebrannte Mandeln, Glühwein. Eine Runde Schlittschuhlaufen ist auch nicht drin.

Der Rest des Tages verläuft unspektakulär. Das ein oder andere Mal bleibe ich reflexartig am Kaffeeautomaten stehen, ansonsten nehme ich den Konsumverzicht kaum wahr. Das ändert sich erst auf dem nach Nachhauseweg. Eine SMS ploppt auf: »Soll ich dir was vom Supermarkt mitbringen?« Bei der Erinnerung an den leeren Kühlschrank verlockend, aber Stellvertreterkonsum hatten die Initiatoren des Kauf-nix-Tages bestimmt nicht vorgesehen. Ich lehne ab und durchstöbere die Küchenschränke. Ich finde eine Packung Tortellini, die ich mit Öl und Knoblauch anbrate. Ich hab’ schon schlechter gespeist. Auf dem Sofa packt mich Schokoladenlust. Ein Gang zum Kiosk verbietet sich. Verstohlen wandert mein Blick zum eingeschweißten Adventskalender. »Denk nicht mal dran«, sagt meine Freundin. Muss der Junge eben ohne Schokolade ins Bett.

Das Fazit meines konsumfreien Tages? Ich habe Geld gespart und gleichzeitig etwas Gutes getan. Zum Beispiel durch den Verzicht auf Coffee to go keinen Müll produziert. Außerdem habe ich mich vegetarisch ernährt – wenn Pizza und Pasta auch nicht unbedingt als gesunde Alternative durchgehen. Einen Tag kein Geld ausgeben? Kein Problem. Es muss ja nicht unbedingt am Schnitzel-Tag sein.  Christoph Hoffmann



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