27. Oktober 2017, 20:11 Uhr

Verwahrlosung als Videospiel

27. Oktober 2017, 20:11 Uhr
Die drei »Bienenkinder« (Maximilian Schmidt, Lotta Hackbeil und Stephan Hirschpointner) müssen sich allein durch den Tag kämpfen. (Foto: Friese)

Gießen (gl). Wenn Zuschauer nach einer Premiere das Theater mit einem deprimierten Gefühl verlassen, ist das in der Regel wohl eher weniger erwünscht. Bei »Die Biene im Kopf«, dem ersten Kindertheaterstück des Dramatikers Roland Schimmelpfennig, spricht aber genau das für die Qualität des Stoffs. Schließlich zeigt er den Alltag eines verwahrlosten Kindes und lässt es wie in einem Videospiel von Level zu Level gegen die Schwierigkeiten zwischen Hartz-IV-Familie und Plattenbautristesse kämpfen.

In der taT-Studiobühne hat Suse Pfister den Einstünder als fantastisches Abenteuer für Kinder ab acht Jahre in Szene gesetzt: eindringlich, im Bühnenbild voller hipper Street-Art-Elemente und Überraschungsmomente (Denise Schneider) und mit einem Schauspielertrio, das der Fantasie eines Kindes im wahrsten Sinne »Bienenflügel« verleiht. Alles beginnt für das namenlose Kind mit Level 1, dem Aufwachen. Doch hier weckt keine Mutter mit sanftem Kuss, kümmert sich niemand um Frühstück oder Schulbrot und hat auch keiner kontrolliert, ob die Hausaufgaben erledigt sind. Im Gegenteil: Die Mutter liegt deprimiert im Bett und der Vater schläft am Küchentisch seinen Rausch aus. Doch zum Glück gibt es die Fantasie, in der sich das Kind in gleich drei Bienen verwandelt – wunderbar gespielt von Lotta Hackbeil, Stephan Hirschpointer und Maximilian Schmidt. Von Level zu Level kämpfen sie sich durch, überleben die Schule, die jugendlichen Schläger aus der Nachbarschaft und den dubiosen Seemann, der kleine Jungs mit heißer Schokolade in sein Haus locken will. Alle Hindernisse überwinden die drei in schwarz-gelben Bienenkostümen – und auch gegen den Hunger finden sie eine Lösung: wieder einmal gibt es Ravioli aus der Dose. Erst am Abend, als das Kind ohne Gute-Nacht-Geschichte einschlafen muss, erscheint ihm die Bienenkönigin und entzündet einen Funken Hoffnung. Doch im echten Leben gibt es die eben so gut wie nie für Kinder ohne liebevolle Zuwendung. »Die Biene im Kopf« konfrontiert die eher abstrakte Diskussion über Kinderarmut in Deutschland mit einer konkreten Geschichte und Fantasie – besser kann Kindertheater kaum sein. Weitere Aufführungen folgen am 29. Oktober und 5. November, jeweils 11 Uhr.

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