17. Dezember 2017, 18:45 Uhr

Verräter, Zweifler, Macher

Judas als Verräter. Judas als Erfüllungsgehilfe Gottes. Judas als Mensch. Die flämische Dramatikerin Lot Vekemans macht den verachteten Jesus-Jünger zu einer Theaterfigur und lässt ihn in ihrem Monolog »Judas« die biblische Geschichte aus seiner Sicht erzählen. Und am Ende sieht man Judas mit ganz anderen Augen.
17. Dezember 2017, 18:45 Uhr

Regisseur Christian Lugerth inszeniert für das Stadttheater, in Zusammenarbeit mit der evangelischen Stadtkirchenarbeit und dem Spielzeitmotto »Theater trifft Stadt« entsprechend, den Monolog nicht auf einer Bühne, sondern in der Pankratiuskirche. Das ist nur konsequent, denn schließlich gäbe es auch dieses Gotteshaus nicht, wenn Judas Jesus nicht den Hohepriestern ausgeliefert und so sein Schicksal erfüllt hätte. Weil Judas zum Verräter wurde, konnte Jesus zum Erlöser werden und das Christentum entstehen.

Schauspieler Pascal Thomas verkörpert diesen Judas in all seinen Facetten. Er zeigt ihn als kopfgesteuerten Zweifler und selbstbewussten Machertyp. Er betreibt Imagepflege in eigener Sache, aber ohne sein Vergehen abzustreiten. Judas erklärt, wie es zum Judaskuss kam und warum er die 30 Silberlinge als Judaslohn genommen hat; aber er beschönigt sein Tun nicht. Knapp eine Stunde lang spricht Pascal Thomas als Judas im zeitlosen schwarzen Anzug und weißem Hemd das Publikum direkt an. Er setzt sich frech auf den Altar, spricht mit klaren, unverschnörkelten Worten (Übersetzung: Eva Pieper und Christine Bais) von der Empore und der Kanzel und die Zuschauer hängen an seinen Lippen. Er schaut jedem Einzelnen in der Kapelle in die Augen, auch um herauszufinden, wer an diesem Abend selbst zum Betrüger geworden ist, weil er keine Eintrittskarte gekauft hat. Jeder kann zum Verräter werden, ist seine Botschaft. Aber ausgerchnet er, Judas, ist es in einem besonders folgenschweren Fall geworden und hat damit die Schuld der Welt und der Menschheit auf sich geladen. War es sein unausweichliches Schicksal oder seine bewusste Entscheidung? Und hat nicht gerade erst der Zweifler Judas dazu beigetragen, dass die Christen Erlösung erfahren und das Christentum zur Weltreligion entwickeln konnten. Die Zuschauer sind angehalten, sich darüber ihre eigenen Gedanken zu machen. Lot Vekemans »Judas« setzt einen Denkprozess in Gang. Und gerade darin liegt die Kraft dieses Monologs.

Noch heute ist es in vielen Ländern verboten, sein Kind mit dem Namen Judas zu brandmarken, Judaskuss und Judaslohn sind zum Synonym für Verrat geworden, Judas selbst ist Hassobjekt in Religion und Kunst. Doch Pascal Thomas zeigt mit seinem eindrücklichen Spiel, in dem er immer wieder Organist Christian Keul und das Publikum als Anspielpartner nimmt, dass dieser Judas eben auch ein Mensch mit Schwächen und Stärken war. »Ich wollte, dass er die Römer niederschmettert mit seinem Wort«, erzählt er von seinem Glauben an Jesus als Messias. »Ich wollte ihn wachrütteln«, fasst er seine Enttäuschung in Worte, als Jesus sich ohne Widerstand in sein Schicksal fügt und sehenden Auges den Verrat und seine Folgen zulässt. »Es ist sinnlos, das begreifen zu wollen«, meint Judas.

Doch er will, dass die Menschen sein Tun im Wissen um die Fakten vorurteilslos beurteilen können. Judas erzählt seine unbekannte Geschichte, die eben nicht nur Schwarz und Weiß ist, sondern in der auch Grautöne vorkommen. Er gibt zu, dass sein Verrat ein Fehler war. Aber er steht zu diesem Fehler.

Christian Lugerth nutzt mit seiner »Judas«-Inszenierung den besonderen Ort Kirche klug. Er bezieht zwar den gesamten Kirchenraum mit ein, konzentriert sich aber dennoch fast ausschließlich auf das gesprochene Wort. Dass von der Orgelempore auch schon mal Beerdigungslieder wie »So nimm denn meine Hände« erklingen, ist eine sinnvolle, zum Glück aber nicht noch weiter ausgedehnte Ergänzung. Theaternebel hinter dem Altar oder Variationen in der Beleuchtung sind ebenfalls sehr sparsam eingesetzt. Schließlich kommt es in diesem Monolog in erster Linie auf das Wort an – und dem verschafft Schauspieler Pascal Thomas große Nachdrücklichkeit. Das Premierenpublikum honoriert es mit lang anhaltendem Applaus.

(Foto: Wegst)

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