26. November 2018, 21:37 Uhr

Verjüngungskur für alten Sammler

Hinter dem Bahnhof werden gerade Vorarbeiten für ein außergewöhnliches Projekt geleistet. Der über 100 Jahre alte Sammler soll saniert werden. Stellt sich die Frage: Wie repariert man einen unterirdischen, zwei Meter hohen Kanal? Die Antwort: Mit zwei Türmen und einem überdimensionalen Schlauch.
26. November 2018, 21:37 Uhr
Die Gießener Allgemeine durfte bei der Inspektion vor zweieinhalb Jahren mit in den Untergrund steigen. (Foto: Friedrich)

Stefan Glink reibt die Hände aneinander. Es ist kalt an diesem Morgen, das Thermometer hat es gerade so in den Plusbereich geschafft. Ins Warme zurückziehen kann sich der Technische Sachbearbeiter aber nicht. Schließlich hat sein Arbeitgeber, die Mittelhessischen Wasserbetriebe, hier am Bahnviadukt zwischen Bahnhof und Lahnstraße einiges vor. In den kommenden Wochen soll der historische Hauptsammler saniert werden. Kein leichtes Unterfangen. Und die Zeit drängt: In zwei Wochen sollen die Vorarbeiten abgeschlossen sein. »Am 11. Dezember wird es dann losgehen«, sagt Glink. Bis dahin müssen auch die beiden Türme stehen. Sie sollen dabei helfen, das historische Bauwerk für die Zukunft zu rüsten.

1906 ist ein Jahr des Wandels. Zu den Kutschen auf den Straßen gesellen sich die ersten Automobile. Erstmals wird eine Radiosendung gesendet. In Dänemark schreibt ein erfolgreicher Motorflug Technikgeschichte. Und in Kiel geht das erste deutsche U-Boot vom Stapel. Auch in Gießen wird ein Grundstein für die Zeit gelegt, in der wir heute leben. Die Stadt beginnt damit, ein modernes Kanalnetz anzulegen. Bis auf die Schlammb-eiser, die Eimer und Stange fortan an den Nagel hängen können, profitiert die ganze Stadtbevölkerung. Auch der 1,5 Kilometer lange Hauptsammler, der die Innenstadt mit der Kläranlage verbindet, entsteht zu jener Zeit. Jetzt muss er saniert werden. 112 Jahre und Millionen von Abwasserlitern haben Spuren hinterlassen.

»Eine Untersuchung hat ergeben, dass der Sammler beschädigt ist. Die Standsicherheit ist nicht mehr gewährleistet«, sagt Glink. Ein Austausch sei nicht möglich, unter anderem wegen den nahe gelegenen Bahngleisen. Daher habe man sich für das sogenannte Schlauchlining entschieden. Dabei soll ein mit Spezialharz getränkter Synthesefaserschlauch das Rohr von Innen abdichten. Ein Verfahren, das Privatleute von Reparaturen an den Hausanschlüssen kennen, nur dass es sich in diesem Fall um ganz andere Dimensionen handelt. Der Schlauch ist 1,50 Meter breit und 1,90 Meter hoch, die Nutzungsdauer liegt bei 40 bis 50 Jahren. »Wir werden den Schlauch in einem unterirdischen Verfahren auf einer Länge von 140 Metern verlegen«, sagt Glink. Und hier kommen auch die eingangs erwähnten Türme ins Spiel.

Am 11. Dezember soll das Synthesefasermonstrum über die Türme in die Höhe geführt und dann über eine Art Trichter in den Kanal gestülpt werden. Mit warmem Wasser, das durch große Heizelemente auf Temperatur gebracht werden soll, wird der Schlauch an seinen Zielort gebracht. Anschließend muss das Gebilde aushärten.

Doch damit der Schlauch zum Einsatz kommen kann, müssen noch einige Vorarbeiten erledigt werden: »Über diese beiden Rohre da«, sagt Sachbearbeiter Glink und deutet auf zwei blaue Leitungen, die vier Meter über dem Boden hängen und weiter hinten auch über die Bahnhofstraße verlaufen, »wird das Abwasser umgeleitet. Da fließen 1000 bis 1200 Liter pro Sekunde durch.« Angetrieben wird das Wasser von Pumpen in der Größe eines Baucontainers.

Während Glink erzählt, befördert ein Schaufelbagger gerade eine große Bohrspirale von der Ladefläche des Trucks. Mit ihrer Hilfe sollen Pfeiler in die Erde gebracht werden. Am Ende sollen sie die Ecken eines Schachts für die Einbaugrube bilden. Diese und weitere Schritte müssen die Arbeiter am Bahnviadukt noch erledigen. Damit der Hauptsammler seine neue Innenverkleidung bekommt – und somit noch weitere Jahrzehnte das Abwasser der Stadtbevölkerung aufnehmen kann.

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