13. Juli 2018, 21:55 Uhr

Verdunstet der Glaube? Verwüstet das Leben?

13. Juli 2018, 21:55 Uhr

In diesen sommerlichen Tagen machen wir auch in unseren Breiten die Erfahrung, dass Wasser lebensnotwendig ist. Die Landwirtschaft klagt über zu wenig Wasser, nicht nur der Mais kann nicht richtig wachsen; es regnet zu wenig.

Immer wieder wird über steigende Austrittszahlen in den Kirchen geklagt und darüber, dass christliche Werte im Schwinden sind – wer sich vor Augen hält, welche mediale Aufmerksamkeit zwölf verschütteten Jugendlichen in Thailand geschenkt wurde, wobei gleichzeitig wahrscheinlich wesentlich mehr Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertranken oder mit all ihrer Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit an den Grenzen Europas auch an die Grenze ihrer Lebensmöglichkeiten kamen, der muss ins Nachdenken kommen. Was Europa und die Welt einmal zusammengehalten hat, verdunstet – jedenfalls sieht es so aus.

Dürre allenthalben. Da macht die Härte des Herzens keine Ausnahme: die Sprache verroht und der Umgang der Menschen miteinander auch. Da ist wenig Veränderung in Richtung mehr Gemeinsamkeit, mehr Solidarität, mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schöpfung in Sicht.

Auch die Stimme der Kirchen wird kaum noch gehört. Der Film mit Papst Franziskus »Ein Mann seines Wortes« ist ein mahnender Fingerzeig, der in einfacher Sprache all das anspricht, was sich jetzt zu verhärten scheint.

Herz und Sinne offenhalten

Rückzug kann nicht die Lösung sein. Wenn ich eine Flasche verschlossen halte, bleibt das Wasser wohl bewahrt, aber die Luft bleibt trocken. Fülle ich eine Schale mit Wasser, verdunstet das Wasser, aber die Luft wird feucht, und das Wasser kommt überall hin.

So könnten Christen wirken, wenn sie sich eben nicht zurückziehen in die Geschlossenheit ihrer Kirchen und Gemeinschaften oder in die Privatsache Religion. Wenn Menschen guten Willens sich einmischen in das Geschehen unserer Tage, wird die Wüste nicht gleich grün. Aber in den Herzen könnte sich etwas tun, damit sie die Atmosphäre im besten Sinne des Wortes enthärten und der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes Raum schaffen.

Dafür muss man noch nicht einmal erfasstes und zahlendes Mitglied einer Kirche sein. Es genügt, Herz und Sinne offenzuhalten für das, was den Menschen und der Schöpfung Gottes gut tut und sich dafür einzusetzen, dass genau das geschieht, was dem Leben dient und der inneren wie der äußeren Verwüstung vorbeugt.

Hans-Joachim Wahl

Dekan des kath. Dekanats Gießen

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