24. April 2019, 11:00 Uhr

VHS Gießen

VHS Gießen: Zwischen Volksschule und Hochschule

Die Volkshochschule wird 100 Jahre alt. Warum die VHS Gießen nicht jedes Angebot eines Kursleiters annimmt und was wichtig ist, erklärt Leiterin Waltraud Burger im Interview.
24. April 2019, 11:00 Uhr
Viele Recherchen und Vorbereitungen sind nötig, bevor Waltraud Burger ein neues VHS-Programmheft in den Händen halten kann. (Foto: kw)

Zweimal im Jahr stellen Sie ein vielfältiges Programm mit vielen Neuheiten zusammen, in diesem Semester mit 556 Kursen. Wie gewährleisten Sie Qualität und Seriosität gerade bei Ihnen bisher unbekannten Interessenten, die mit ihren Ideen auf Sie zukommen?

Waltraud Burger: Wir bekommen die unterschiedlichsten Angebote und überprüfen sie mit viel Aufwand. Oft erfordert das umfangreiche Recherchen. Zum Beispiel schauen wir bei Kursen, die der oder die Betreffende schon anderswo geleitet hat: Wie gut wird das dort angenommen? Wir holen Referenzen ein und lassen uns, wo das möglich ist, Arbeitsproben zeigen. Wir führen mitunter sehr lange Gespräche mit den Bewerbern. Dabei setzen wir eine Checkliste ein.

Was steht da drin?

Burger: Wir fragen unter anderem nach didaktischen Fähigkeiten, beispielsweise: Skizzieren Sie die erste Unterrichtseinheit. Wie gehen Sie mit einer Gruppe um, in der der Kenntnisstand unterschiedlich ist? Was tun Sie, wenn ein Teilnehmer eine Krise hat? Bei Deutschlehrern haben wir klare Kriterien, die sich anhand von Zertifikaten überprüfen lassen. Bei Kunsthandwerk oder Berufsthemen ist das nicht so einfach.

Heißt das, alle Kursleiter müssen bewährte Profis sein?

Burger: Nicht unbedingt. Wenn uns eine Idee überzeugt, der Kursleiter aber noch unerfahren ist, schlagen wir ihm manchmal vor, mehr Zeit für bestimmte Lernschritte einzuplanen oder mit einer kleinen Gruppe zu beginnen. Gegebenenfalls lassen wir ihn oder sie auch zunächst in thematisch nahestehenden Kursen hospitieren, um Eindrücke zu Lernsituationen und Teilnehmern zu ermöglichen. Es geht nicht nur darum, dass wir unseren Teilnehmern ein bestimmtes Niveau bieten wollen. Wir haben auch eine Fürsorgepflicht gegenüber den Kursleitern. Wir können niemanden einer Gruppe ausliefern, der er nicht gewachsen ist.

Wie häufig bekommen Sie Angebote, die sich als ungeeignet erweisen?

Burger: Das kommt jedes Semester vor. Häufig suchen Bands oder Kleinkünstler Auftrittsmöglichkeiten. Sie verweise ich an mögliche Veranstalter. Oder Journalisten wollen ihre Reisereportagen vorstellen. Bei uns muss aber immer ein Bildungsanteil vorhanden sein. Insgesamt würde ich sagen: 70 Prozent der Angebote kommen in Frage.

Können Sie weitere Beispiele nennen für Dinge, die Sie ablehnen?

Burger: Wir sind keine Werbeplattform für kommerzielle Anbieter. Wer über einen Kurs eigene neue Klienten gewinnen möchte, etwa für Geldanlage-Beratung, ist bei uns falsch. Das heißt aber nicht, dass jemand, der ein Thema auch professionell bearbeitet, für uns nicht in Frage kommt. Es gibt Kursleiter, die bewusst zu uns kommen, weil sie auch einmal mit einer anderen, vielfältigen Zielgruppe arbeiten wollen. Gerade im Gesundheitsbereich kann manches ins Esoterische abdriften. Da sind wir auf der Hut und informieren uns umfassend. Wenn ich ein ungutes Gefühl habe, frage ich auch mal eine Verwaltungskraft: Wie wirkt dieses Konzept auf dich? Manche Angebote lehnen wir deshalb ab, weil wir sie mit bewährten Dozenten bereits im Programm haben und keinen zusätzlichen Bedarf sehen.

Welches Niveau streben Sie an?

Burger: Der Name deutet es an: Zwischen Volksschule und Hochschule. Teilweise vermitteln wir Inhalte wie an der Universität, nur das Tempo und die Methoden sind andere.

Was unterscheidet einen Volkshochschulkurs von gewerblichen oder Vereinsangeboten, etwa bei Yoga oder Musik?

Burger: Ein Kurs bei uns muss neutral und im Sinne des Auftrags der Erwachsenenbildung sein. Unsere Gebühren sind erschwinglich. Bei den Standorten ist die Erreichbarkeit wichtig. Die Gruppenbildung ist ein viel stärkeres Moment. Und: Im Gegensatz zu einem Verein wird bei uns nicht erwartet, dass die Teilnehmer ehrenamtlich Aufgaben übernehmen.

Bekommen Sie manchmal Ärger mit anderen Anbietern?

Burger: Eigentlich gibt es keine Konflikte. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, dass wir nicht in Konkurrenz mit anderen treten, sondern Lücken füllen wollen. Mit Kollegen in der Region stimmen wir uns ohnehin ab. Bei Kalligrafie zum Beispiel wechseln wir uns mit der Kreisvolkshochschule ab, damit wir uns nicht gegenseitig das Wasser abgraben. Wenn ein Dozent eines Bildungsurlaubs erkrankt ist, verweisen wir auf ein ähnliches Angebot an der KVHS.

Wahrscheinlich entwickeln Sie Neues aber auch selbst und suchen dann Dozenten?

Burger: Ja, natürlich. Auf manche Lücken machen uns Hörer mit Anfragen aufmerksam. Selbstverständlich verfolgen wir, was andere Institutionen anbieten. Wenn wir einen Bedarf sehen, gehen wir auf Kursleiter zu. Zum Beispiel referiert eine Juristin bei uns schon länger zur Pflegevollmacht und bietet jetzt auf unseren Wunsch hin erstmals auch eine Veranstaltung zum Erbrecht an. Die Suche nach Kursleitern wird etwas schwieriger. Wir spüren die Veränderungen im Arbeitsmarkt: Es kommt häufiger als früher vor, dass jemand wieder abspringt, weil er einen festen Job gefunden hat.

Was ist die Motivation Ihrer Kursleiter? Wahrscheinlich reicht sie vom schnöden Geldverdienen bis zur Begeisterung für das Thema?

Burger: Genau. Es gibt Ruheständler, die ihren Erfahrungsschatz aus einer anspruchsvollen Berufstätigkeit weitergeben wollen; Freiberufler, die regelmäßige Einkünfte über uns für die Krankenversicherung brauchen; Überzeugungstäter, die aus einem gewissen aufklärerischen Impuls heraus ihre Interessen mit anderen teilen wollen... Für alle gilt: Ohne Elan geht es nicht.

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