»Mit Beginn des Krieges gerieten Ausländer schnell unter Generalverdacht wegen Spionage und Sabotage. Die Propaganda mit ihrem Feindbild bestimmte die Haltung gegenüber Fremden,« machte Stadtarchivar Ludwig Brake gleich zu Beginn des Vortrags über Kriegsgefangene und Fremde während des Ersten Weltkrieges in Gießen deutlich. Gekommen waren auf Einladung des Oberhessischen Geschichtsvereins fast 50 Besucher, die Manfred Blechschmidt am Mittwochabend im Netanyasaal des Alten Schlosses begrüßte.

Tausende in der Stadt

Brake stellte zunächst klar, dass für Gießens Einwohner allein durch die Universität Ausländer nicht ungewöhnlich gewesen seien. Mit Beginn des 1. Weltkrieges habe sich die Einstellung zu ihnen allerdings grundlegend verändert. Insbesondere aus Ländern der Kriegsgegner stammende Fremde seien zunächst pauschal als Spione oder Saboteure verdächtigt worden. Fast schon humoristisch die Schilderung der »Russenhatz«, die auch Großherzog Ernst Ludwig miterlebte.

Im Verlauf der Kriegshandlungen, bei denen die deutschen Truppen eine große Anzahl Gefangene machten, kamen Tausende in die Stadt Gießen, in der sowohl ein Kriegsgefangenenlager als auch ein Lazarett für diese eingerichtet wurden. Die Aufenthaltsdauer war, wie der Referent unterstrich, völlig unterschiedlich. Er verwies darauf, dass im 19. Jahrhundert der ambitionierte deutsche Kolonialismus und der Erfolg von Brehms Tierleben zu einer seltsamen Mischung von Faszination und Abwertung fremder Menschen mit anderer Hautfarbe und unterschiedlichem Erscheinungsbild geführt habe. Begünstigt worden sei diese Einschätzung durch Tierschauen und reisende »Völkerschauen«, sodass die Sicht auf fremde Menschen (»Kaffern«, »Kongoneger« usw.) nicht selten den Erfahrungen eines Zoobesuches ähnelte.

Brake konnte dies mit reichem Bildmaterial belegen, nicht zuletzt durch den Umstand, dass dem Stadtarchiv zwei Fotoalben übergeben wurden, die sich mit kriegsgefangenen Soldaten oder Patienten des Lazaretts befassten und wertvolle Dokumentationen darstellten. Bis heute sei nicht bekannt, wer diese Fotos gemacht oder in Auftrag gegeben habe. Allerdings sei eine Tendenz erkennbar, die schon an der Art der Darstellung ablesbar sei, die gefangenen Soldaten mit einer Art Besitzerstolz als Kriegstrophäen zu betrachten. Für die Stadtbevölkerung wurde der Sonntagsspaziergang zu einer Art Kulthandlung mit dem Reiz des Neuen und Fremden, zwischen rassistischer Abwertung und Staunen über den »edlen Wilden«. Der Referent verglich die Art des Umgangs mit den Gefangenen mit der Situation in anderen Städten und Ländern und stellte klar, dass der Kriegsbeginn auch für Deutsche wie in den USA nicht ohne Folgen blieb. Zudem müsse festgehalten werden, dass es auch internierte Zivilisten und Ausländer während der Kriegszeit gegeben habe, die freiwillig in der Stadt an der Lahn waren. Kontakte waren seitens der Stadt und des Militärs zwar nicht erwünscht, blieben aber letztlich nicht aus.

Türkisch gefragt

Einen interessanten Aspekt stellte Brake detaillierter dar, nämlich die Anwesenheit türkischer Schüler, die sich aus der militärischen Annäherung des Deutschen Reichs an das Osmanische im Verlauf der Kriegsjahre ergab. Das führte zur Einführung eines Lektorats für die türkische Sprache an der Universität. »Leitsätze für Pflegeeltern türkischer Schüler« und stark gefragte Türkischkurse sowie Aufforderungen zur Toleranz waren die Folge, wobei das pauschale Menschenbild über diese Schüler feststellte: »Der Türke ist von Natur aus gutmütig und ruhig«. Brake hielt fest, dass türkische Schüler bis 1929 in Gießen waren. (Foto: has)

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