23. März 2011, 20:00 Uhr

Universität ermittelt gegen fünf Mediziner

Gießen (si). Die Justus-Liebig-Universität hat inzwischen fünf Ärzte unter Verdacht, dass sie ihren am Fachbereich Medizin erworbenen Doktortitel illegalen medizinischen Versuchsreihen verdanken könnten. Es seien interne Ermittlungen eingeleitet worden, bestätigte die Hochschule am Mittwoch der Gießener Allgemeinen Zeitung.
23. März 2011, 20:00 Uhr

Betreuer und Erstgutachter aller Arbeiten war demnach der Anästhesist Joachim Boldt, langjähriger und inzwischen geschasster Gießener Medizin-Professor und bis zu seiner Entlassung im Dezember 2010 Chefarzt am Klinikum Ludwigshafen. Die für dieses Krankenhaus zuständige Landesärztekammer Rheinland-Pfalz hat Boldt 89 medizinische Studien nachgewiesen, die er ohne die zwingend notwendige Zustimmung der Ethik-Kommission durchführte.

Auf diesen Erkenntnissen fußen auch die Gießener Ermittlungen. Die Doktoranden, deren Namen dieser Zeitung bekannt sind, finden sich allesamt in der von der Landesärztekammer veröffentlichten Publikationsliste, sie waren Co-Autoren von Boldt. Alle haben mit dem früheren Oberarzt am Gießener Uniklinikum (bis 1996) jedoch nicht nur gemeinsam wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht. Sondern eben auch jene Doktorarbeiten, die dann vom Gießener Fachbereich Medizin angenommen und mit dem Titel eines Dr. med. gewürdigt wurden. Die Ärzte sind heute in verschiedenen Kliniken Deutschlands tätig.

Nach Angaben der Justus-Liebig-Universität sind die Promotionsverfahren zwischen 1999 und 2005 abgeschlossen worden. Allerdings sei nur eine Studie am Uniklinikum Gießen gelaufen, und zwar womöglich schon in den frühen 90er Jahren. Vier Studien habe Boldt am Klinikum in Ludwigshafen betreut. Im Mittelpunkt standen dabei immer wieder von der Pharmaindustrie in Auftrag gegebene Arbeiten zum Blutplasma-Ersatzstoff HES - den Boldt auch in eigenen Veröffentlichungen vielfach hoch gelobt hat, obwohl HES inzwischen im Verdacht steht, kaum Nutzen, dafür aber gravierende Nebenwirkungen zu haben. Nach Recherchen dieser Zeitung hat Boldt mindestens eine HES-Studie am Ludwigshafener Klinikum nicht nur ohne Zustimmung der Ethikkommission durchgeführt, sondern sogar, nachdem diese die Versuchsreihe in dieser Form untersagt hatte.

Nach Angaben der JLU gibt es bisher keine Anhaltspunkte dafür, dass über die fünf Dissertationen hinaus beispielsweise Habilitationen betroffen sein könnten. Boldt selbst war mit Studien zum gleichen Themenkreis - der Volumenersatztherapie - am Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität habilitiert worden; allerdings schon 1987. So weit reichen die Nachforschung der Hochschule offenbar nicht zurück. Aus dieser Zeit dürfte es wohl auch keine Unterlagen mehr geben. Sie waren schon nicht mehr auffindbar, als die Staatsanwaltschaft gegen Boldt und andere Anästhesisten aus dem Gießener Klinikum 2004/2005 wegen illegaler medizinischer Versuchsreihen an Patienten ermittelte.

Wann die Universität ihre Untersuchungsergebnisse vorlegt, ist noch unklar. Die Hochschule verwies auf das gesetzlich vorgeschriebene, mehrstufige Verfahren, das sich normalerweise über mehrere Monate hinzieht - auch, weil die Betroffenen natürlich das Recht zur Stellungnahme haben. Dennoch müssten selbst unter ungünstigen Umständen noch in diesem Sommersemester Entscheidungen fallen. Dabei könnten am Ende Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels stehen. Denkbar wäre darüber hinaus, dass die Fälle an die Staatsanwaltschaft weitergegeben werden.

Die - seit 2002 gültige - Promotionsordnung des Fachbereichs Medizin verpflichtet die Doktoranden auf die Grundsätze »guter wissenschaftlicher Praxis«. Danach müssen die Forschungsergebnisse nicht nur vollständig dokumentiert und auch aufbewahrt werden. Bei klinischen Studien muss auch die ordnungsgemäße Anlage und Durchführung der Versuche gesichert sein - etwa durch ein Votum der Ethikkommission. Mitverantwortlich sind die Doktoranden sogar ausdrücklich für das wissenschaftliche Fehlverhalten anderer. Das kann zum Beispiel der Doktorvater sein, der die zugrunde liegende Studie ohne Genehmigung durchgeführt hat.



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