08. Juni 2009, 11:04 Uhr

Uniklinikum setzt erstmals NOTES-Chirurgie ein

Gießen (si). Ein großer Bauchschnitt, der eine bis zu 20 Zentimeter lange Narbe hinterließ, und ein gut zehntägiger stationärer Klinikaufenthalt - das waren vor 20 Jahren noch die normalen Begleiterscheinungen einer Gallenblasenentfernung.
08. Juni 2009, 11:04 Uhr
Die Professoren Winfried Padberg (r.) und Hans-Rudolf Tinneberg, Chefärzte in der Chirurgischen Klinik bzw. der Frauenklinik, arbeiten bei dem neuen operativen Verfahren zusammen. Im Film am Monitor ist zur sehen, wie einer Frau mit endoskopischem Zugang über die Vagina die Gallenblase entfernt wird. (Foto: Schepp)

Gießen (si). Ein großer Bauchschnitt, der eine bis zu 20 Zentimeter lange Narbe hinterließ, und ein gut zehntägiger stationärer Klinikaufenthalt - das waren vor 20 Jahren noch die normalen Begleiterscheinungen einer Gallenblasenentfernung. Dank »Schlüsselloch-Chirurgie« bleiben bei diesem operativen Eingriff inzwischen nur noch vier je einen Zentimeter kleine Narben zurück, und das Bett müssen die Patienten »danach« nicht einmal mehr halb so lang wie früher hüten. Seit seiner Premiere 1990 ist dieses »laparoskopische« Verfahren beständig weiterentwickelt worden. Einen echten Quantensprung brachte »NOTES«. 2004 weltweit zum ersten Mal eingesetzt, führt der Chirurg hier das Endoskop durch »natürliche Öffnungen« wie Mund oder Scheide in der Körper und erreicht dann über einen kleinen Schnitt, im Magen oder der Vagina, das eigentliche Operationsgebiet. Seit dem vergangenen Oktober wird NOTES (»Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgey«) auch am Universitätsklinikum in Gießen angewendet. Dabei kooperieren Chirurgie und Frauenklinik - »mit sehr guten Ergebnissen«, wie die beiden Kliniksdirektoren, die Professoren Winfried Padberg und Hans-Rudolf Tinneberg, gestern bei einem Pressegespräch versicherten.

Per NOTES wurden bislang acht Frauen operiert, allen wurde transvaginal die hühnereigroße Gallenblase entfernt. Sie konnten schon zwei Tage nach der Operation wieder entlassen werden - und da war sogar noch ein »Sicherheitstag« eingebaut; schmerzfrei waren sie nach Angaben der beiden Chefärzte schon direkt nach der Operation. »Die Patientinnen fühlen sich in aller Regel schon am ersten Tag so gut, dass sie wieder nach Hause wollen«, sagte Padberg. Eine habe später berichtet, dass sie schon am dritten Tag nach dem Eingriff wieder im Garten gearbeitet habe. Weil bei NOTES nur ein kleiner Schnitt notwendig ist, gibt es auch weniger Wundinfektionen und außerdem keine sichtbaren Narben. Dies sind zusammengenommen die größten Vorteile des neuen Verfahrens.

Seine Grenzen findet es derzeit vor allem am medizinischen Gerät. Gemessen an den operativen Möglichkeiten seien die Chirurgen heute noch auf »Steinzeitinstrumente« angewiesen, sagte Padberg. Allerdings seien multifunktionale Endoskope und andere Hilfsmittel, die komplexe Eingriffe möglich machten, längst in der Entwicklung. Sie würden jetzt nach und nach vorlegt. Und natürlich stellt das Verfahren auch besondere Anforderungen an den Operateur. Bei der ersten Gießener NOTES-Patientin dauerte die Entfernung der Gallenblase noch eineinhalb Stunden - und damit deutlich länger als bei der minimal-invasiven Methode. Inzwischen kommen die Mediziner mit 60 Minuten aus.

Dass dennoch viele Patientinnen skeptisch sind, mag mit dem »Zugang« zusammenhängen - und der Angst, dass die Vagina besonders empfindlich sein könnte. Tinneberg weist dieses Argument zurück. Von der Scheidenwand sei der Weg in die Bauchhöhle extrem kurz. Und wenn die Scheide tatsächlich ein wenig verletzt werden sollte, verlaufe die Heilung »hervorragend. Hier hat die Evolution vorgesorgt.« Der Weg über die Vagina sei in diesem Fall geradezu ideal, sagte Tinneberg.

Männer werden im Gießener Universitätsklinikum derzeit noch nicht nach NOTES operiert. Das wird sich dann ändern, wenn der Zugang über den Magen möglich ist; »in zwei bis drei Jahren«, schätzt Padberg. Davon würden natürlich beide Geschlechter profitieren. Grundsätzlich sind noch andere Zugänge denkbar - etwa über den After -, und sicherlich werden langfristig auch andere Organe einbezogen, beispielsweise Niere und Milz.

Alternativ zur NOTES-Chirurgie kann die Gallenblase übrigens auch über einen sehr kleinen Schnitt am Bauchnabel entfernt werden. Auch dieses Verfahren solle schon bald am Gießener Klinikum eingesetzt werden, sagte Padberg.

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