08. November 2019, 06:00 Uhr

Personalmangel

Uni-Klinikum Gießen hängt am Tropf

Im Uniklinikum herrscht Pflegenotstand. Gleich drei Stationen mussten geschlossen werden Die Klinikleitung mauert. Doch der Betriebsrat bricht das Schweigen.
08. November 2019, 06:00 Uhr
Unter den Dächern des Uniklinikums - hier die Neue Chirurgie - fehlt es an Personal. (Foto: Schepp)

Gesundheits- und Krankenpfeger, Pflegekräfte und Fachkrankenpfleger können sich ihr Betätigungsfeld am Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) am Standort Gießen derzeit aussuchen. Für allein 17 verschiedene Bereiche sucht das Klinikum auf der eigenen Homepage per Stellenausschreibung unter dem Stichwort »Pflege und Funktionsdienst« nach Personal. Besonders schlimm scheint es um die Kardiologische Intensiv- und Intermediate Care-Station 1.5/1.6 sowie die Chest-Pain-Unit zu stehen. Dort werden gleich »mehrere Pflegekräfte« auf einmal gesucht.

Der Pflegenotstand wirkt sich am UKGM derzeit in all seiner Härte aus. Die Verantwortlichen sind alarmiert. Solch eine bedrohliche Situation gab es noch nie. Der gesetzlich festgelegte Personalschlüssel - die Relation zwischen Pflegepersonal und Patienten, der für einige Bereiche gilt - hat das Klinikum nun dazu gezwungen, gleich drei Stationen komplett zu schließen. Das bestätigte UKGM-Sprecher Frank Steibli auf Anfrage. Konkretere Angaben dazu wollte das Klinikum nicht machen. Auch nicht darüber, wie lange die Schließungen nötig sein werden und ob weitere drohen.

Dem Vernehmen nach sind aktuell Stationen der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik, der Allgemeinen Chirurgie und der Kardiologie mit insgesamt rund 45 Betten betroffen. »Eigentlich ist die Situation viel schlimmer, denn auf diversen anderen Stationen sind zudem einzelne Betten gesperrt«, sagt Andreas Schaub, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender des UKGM. Schon über den Sommer seien auf Intensivstationen ständig acht bis zwölf Betten gesperrt gewesen, weil nicht genügend Personal vorhanden war, um einen zulässigen Dienstplan zu erstellen. Aktuell sind es sechs. »Wir sind in ständiger Diskussion über weitere Schließungen.«

Seit mehreren Jahren beklagen Kliniken einen Rückgang von Bewerberzahlen in Pflege- und Gesundheitsfachberufen. Zeitgleich berichten Personalchefs von Krankenhäusern über zunehmende Probleme, Pflegestellen zu besetzen. »Die Unikliniken sind lange davon verschont geblieben, doch seit rund zwei Jahren beobachten wir diese Entwicklungen auch am UKGM«, erklärt Steibli.

Mehrere hundert Stellen unbesetzt?

Wie viele Stellen in der Pflege derzeit im Klinikum unbesetzt sind, will die Geschäftsführung nicht sagen. Auch dem Betriebsrat gegenüber macht die Klinikleitung dazu keine Angaben. Aktuell läuft eine juristische Auseinandersetzung, mit der die Vertretung der Arbeitnehmer eine Herausgabe der Zahlen erzwingen will. »Man behauptet, es gäbe keinen Soll-Plan, wir wissen aber, dass es einen gibt«, sagt Schaub. Dem Vernehmen nach sind Hunderte Stellen unbesetzt.

Mit einer Ausweitung von Anzeigen- und Werbeaktivitäten, einer auf die Pflege zugeschnittenen Imagekampagne und mehreren Bewerberdialogen für Schüler und am Jobwechsel interessierte Berufstätige habe das UKGM seine Aktivitäten deutlich ausgeweitet. »Parallel unternimmt die Geschäftsführung viel, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Gehälter noch attraktiver zu gestalten«, sagt Steibli. »Das UKGM ist das Uniklinikum in Deutschland, das am schlechtesten bezahlt«, sagt Schaub. In Gießen verdiene man im Bereich der nichtärztlichen Assistenzberufe 400 bis 500 Euro weniger als im öffentlichen Dienst. Pflegekräfte gingen mit 100 Euro weniger nach Hause.

Um die Patientenversorgung sicherzustellen, muss das Klinikum zudem in erheblichem Maß auf Leiharbeiter zurückgreifen. »Im Bereich der Allgemeinchirurgie arbeiten mittlerweile mehr Leiharbeiter als Festangestellte«, erklärt Schaub. Dass diese nicht nur wesentlich besser bezahlt würden als Stammpersonal, sondern sich auch die Arbeitszeiten frei aussuchen könnten, sorge für großen Unfrieden. Nicht wenige Pflegekräfte würden darüber nachdenken, aus einem festen Arbeitsverhältnis in eine Leiharbeitsfirma zu wechseln. Das würde die Situation weiter verschärfen. Steibli betont, dass trotz der angespannten Personaldecke keine Patienten abgewiesen würden, er gibt jedoch zu, dass die »OP- und Prozessplanung entsprechend angepasst« werde. Das heißt: längere Wartezeiten, weniger Termine, weniger dringliche Eingriffe werden verschoben. Im Uniklinikum herrscht Pflegenotstand.

Heftiger Konkurrenzkampf

Der Arbeitsmarkt für Pflege und Gesundheitsfachberufe ist extrem angespannt. Das Universitätsklinikum Gießen-Marburg ist nicht das einzige Krankenhaus, in dem Stationen aus Personalnot gesperrt werden müssen. Sehr viele Häuser leiden unter dem Personalmangel. Daher ist auch der Wettbewerb zwischen den Kliniken hoch. Mancherorts werden für einen Arbeitsplatzwechsel Ablösesummen im vierstelligen Bereich geboten. »Solch eine Entwicklung wollen wir nicht mitmachen«, sagt Steibli. Im Evangelischen Krankenhaus erhalten Mitarbeiter derzeit eine Prämie von 2000 Euro, wenn sie einen neuen Kollegen werben, teilt Sprecherin Christine Dietrich mit. Das UKGM erhöht die Kapazitäten im eigenen Bildungszentrum. Im November ist zudem erstmals ein Krankenpflegehilfekurs mit 20 Plätzen gestartet. Alle Bewerber, die die Zugangsvoraussetzungen erfüllen, werden nach erfolgreichem Examen eingestellt.

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