24. Januar 2011, 21:56 Uhr

Umstrittene Versuchsreihe am OP-Tisch bestätigt

Gießen (si). Die Justus-Liebig-Universität hat einen Bericht der Gießener Allgemeinen bestätigt, wonach der Fachbereich Medizin noch im Jahre 2005 einen Mediziner mit einer Arbeit über den umstrittenen Blutplasma-Ersatzstoff HES promoviert hat.
24. Januar 2011, 21:56 Uhr

Die zugrunde liegende Studie ist höchstwahrscheinlich am Gießener Klinikum und ganz sicher unter Regie des Mediziners Joachim Boldt durchgeführt worden, eines außerplanmäßigen Professors am Fachbereich, der im November als Chefanästhesist des Ludwigshafener Klinikums entlassen wurde, nachdem ihm Betrug in Zusammenhang mit weiteren HES-Studien nachgewiesen worden war. Wann die Untersuchung erstellt worden ist, lässt sich nach Hochschulangaben noch nicht mit Gewissheit sagen. Internen Nachforschungen zufolge könnte das schon 1993/94 gewesen sein - was weitere Fragen aufwirft.

In der Untersuchung war, wie berichtet, die Wirkung von HES und anderen Wirkstoffen an 60 schwerstkranken Patienten getestet worden - ohne deren persönliches Einverständnis und während sie ohne Bewusstsein auf dem Operationstisch lagen. Deswegen wiegen die Vorwürfe auch so schwer. Sie passen genau zu den Verdachtsmomenten, unter denen die Staatsanwaltschaft vor sechs Jahren bundesweit gegen elf Mediziner ermittelte, die damals am Gießener Klinikum arbeiteten oder früher dort beschäftigt waren - darunter Boldt, der als Arzt dort bis in die 90er tätig war und darüber hinaus noch viele Jahre später wissenschaftlich. Professor ist er hier bis heute.

Der 56-Jahrige hat wie kaum ein anderer deutscher Mediziner zum Blutplasma-Ersatzstoff »Hydroxyethil-Stärke« geforscht, häufig im Auftrag der Pharmaindustrie, und fast immer fielen die Ergebnisse zugunsten von HES aus. Der Stoff kann Flüssigkeiten binden, Blut beispielsweise, und wird deshalb in der Intensivmedizin eingesetzt. Neuere Studien halten ihn allerdings für weitgehend nutzlos, potenziell sogar für gefährlich. Unter anderem soll er starke Blutungen und Nierenversagen verursachen.

Ob die jetzt in den Blick geratene Gießener HES-Studie tatsächlich schon in den 90er Jahren erstanden ist, will die Justus-Liebig-Universität in den kommenden Wochen klären. Sie hat die Beteiligten um eine schriftliche Stellungnahme gebeten. Erste Befragungen haben ergeben, dass die Untersuchung damals auf der operativen Intensivstation des Gießener Klinikums durchgeführt wurde. Dass die Ethikkommission informiert war - wie in der Dissertation behauptet wird -, konnte die Hochschule bislang nicht bestätigen. Vermutlich hat das der Fachbereich damals nicht überprüft, und heute dürfte es kaum mehr möglich sein. Unterlagen der Ethikkommission seien damals nur zehn Jahre aufbewahrt worden. Das habe die Hochschule erst 2003 - im Zusammenhang mit einem staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren - geändert, teilte die Universität jetzt mit.

Dass der Fachbereich Medizin 2004/05 eine Doktorarbeit angenommen hat, in der über zehn Jahre alte Daten verwertet wurden, entspreche »nicht dem Regelverlauf eines Promotionsverfahrens«, räumte die Hochschule ein. Es sei aber »nicht völlig unüblich«. Prinzipielle Bedenken gegen den Versuch gibt es dort offenbar bis heute nicht.

Boldt habe am Fachbereich »mindestens seit 2007« keine Vorlesungen mehr gehalten, hatte Dekan Prof. Trinad Chakraborty auf Nachfrage dieser Zeitung Anfang Dezember erklärt. Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, dass der Wissenschaftler noch bis zum vergangenen Jahr im Vorlesungsverzeichnis geführt wurde: So im letzten Wintersemester mit der Veranstaltung »Überwachungsverfahren in der Anästhesie und Intensivmedizin«, im Winter 2008/09 mit »Praktische Übungen zur Operativen Intensivmedizin«. Diesen Widerspruch konnte die Universität bisher nicht auflösen. Auch hier liefen Untersuchungen, teilte sie mit. Unabhängig davon überprüft die Hochschule Boldts Status als außerplanmäßiger Professor.

Über den Fall haben inzwischen auch andere Medien berichtet, zuletzt am Sonntagabend die hr-Sendung »defacto«.



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