27. Dezember 2018, 21:24 Uhr

Mensch, Gießen

Ulrich Vieth: Zwischen Ladentheke und Lebenshilfe

Wer diesem gepflegten Herrn gegenübersitzt, mag kaum glauben, dass er »unmittelbar vor Kohle« aufgewachsen ist. Für Ulrich Vieth hatte das Leben eine Reihe von Wechseln und Wendungen parat. Die Biografie reicht vom Geschäftsführer bis zum Mann, der mit fast 80 Jahren Menschen beim Wiedereinstieg in den Beruf hilft.
27. Dezember 2018, 21:24 Uhr
Gesprächspartner mit vielen Facetten: Ulrich Vieth. (Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Aufgewachsen ist er »hinter der Ladentheke«. Ulrich Vieths Eltern hatten ein Lebensmittelgeschäft im Ruhrgebiet, sämtliche Verwandten waren beruflich »in irgendeiner Form mit Einzelhandel« verbunden, besaßen Bäckereien oder Drogerien. Dass er selbst sich viele Jahre seines Lebens im Handel engagieren würde, hätte sich der Mann aus dem Pott in seiner Jugend nicht träumen lassen.

Zu Beginn der 50er Jahre wusste er vor allem, was er nicht wollte: Dazu gehörte ein Leben »unter Tage«, obwohl sein Elternhaus direkt gegenüber der Zeche »Konstantin« stand. Aber auch um das elterliche Geschäft machte er einen Bogen. Vieth wollte Innenarchitekt werden, hatte die Anmeldung für die Fachschule bereits in der Tasche. Doch als mit 17 der Vater starb, änderte sich alles. »Bleib erst einmal zu Hause und hilf mir«, sagte die Mutter. Der Sohn konnte die Bitte nicht abschlagen, machte eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann und half. Doch er merkte schnell, dass er auf Dauer nicht morgens um sechs auf dem Großmarkt fürs Geschäft einkaufen und abends um neun den Anhänger mit Leergut beladen wollte.

Der Weg führte also weg vom heimischen Geschäft. Ein Großhändler bot dem Familienvater eine Stelle als Abteilungsleiter an – für 800 Euro im Monat. »Das war zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.« Tatsächlich zog es den jungen Herrn Vieth in eine Richtung, der er später viele Jahre treu bleiben sollte. Ein großes Essener Schuhhaus mit neun Filialen suchte einen Geschäftsführerassistenten. »Auch Branchenfremde erhalten eine Chance«, stand damals in der Zeitungsanzeige. »Die haben noch auf dich gewartet«, antwortete seine Mutter als er ihr das Inserat vorlas. Der spöttische Kommentar der Mutter erzeugte eine Jetzt-erst-recht-Reaktion. Vieth bewarb sich ebenso wie knapp 40 weitere Interessenten – und bekam den Zuschlag. »Ich habe mich reingekniet, davon hing schließlich unsere Existenz ab«, sah der Kaufmann damals vor allem den familiären Aspekt seines Jobs. Ausgebildet wurde er im dualen System: Er arbeitete in den Filialen und besuchte die Fachschule in Pirmasens. Seine berufliche Entwicklung nahm Fahrt auf.

Bald erhielt er das Angebot, im Ruhrpark-Center, dem ersten Einkaufszentrum Deutschlands, als Filialleiter zu beginnen. »Wir haben in drei Jahren fast 40 Prozent Plus erwirtschaftet«, blickt er auf diese Zeit in den Siebzigern zurück. Doch damit nicht genug. Sein Chef hatte die Idee, im Ruhrgebiet eine Niedrigpreiskette aufzubauen. »Sie machen das«, sagte er zu seinem Filialleiter. Und Vieth machte. »Für mich war das ein Sprung ins eiskalte Wasser«, blickt er zurück. Der Sprung glückte. Er war für alles zuständig: Von der Akquise des Grundstücks bis zur Eröffnung der Filiale. Beruflich war es ein Leben auf der Überholspur, die Familie dagegen kam viel zu kurz, irgendwann gab es die Quittung: Trennung, Scheidung.

Vieth war tief getroffen und brauchte Distanz – auch räumlich. Da kam ein Angebot aus München gerade recht. Die bayerische Metropole gefiel dem Mann aus dem Pott. Er war Geschäftsführer eines Unternehmens mit 27 Filialen, das Handschuhe und das komplette Aigner-Sortiment anbot. Das Leben mit seinem hohen Freizeitwert sagte dem Mann zu, der noch heute gerne joggt und radelt. Doch auf Dauer ließen sich sein westfälischer Charakter und die bayerische Lebensart nicht miteinander in Einklang bringen. Vieth zog die Konsequenzen. Es lockte ein Angebot von Salamander. »Der Vertrag war unterschriftsreif.« Die Alternative wäre eine Stelle bei einem gewissen Schuhhaus Darré in Hessen gewesen, das einen Geschäftsführer suchte. »Ich schaue mir Gießen mal an«, beschloss der damals 42-Jährige.

Zu alt, sagte der Personalberater, den die Darré-Inhaber damals engagiert hatten. Doch Marianne und Gerd Ebert wollten sich mit dem Mann aus München treffen. »Wir haben uns zum Essen im Steinsgarten verabredet. Nach zwei Stunden waren wir uns einig«, erinnert sich Vieth. Die ersten Wochen und Monate waren schwierig für den neuen Geschäftsführer. »Der Schock, vom Marienplatz ans Elefantenklo umzuziehen, war groß.« Und daran, nicht mehr von Filiale zu Filiale zu jetten, sondern permanent an einem Standort zu arbeiten, musste er sich auch erst gewöhnen. Dass aus der anfänglichen Skepsis 24 erfolgreiche Jahre als Geschäftsführer werden sollten, hat viele Gründe. Zum einen gab es viel Unterstützung seitens der Familie Ebert – in jeder Hinsicht. Aber auch die Inhaber des Schuhhauses wissen, was sie an Vieth hatten – und haben. »Es hat sich wunderbar ergänzt«, sagt Heinz-Jörg Ebert und berichtet, wie man gemeinsam mit Vieth neue Wege gegangen ist – von der Warenpräsentation bis zur Mitarbeiterführung. Von der Party für die neuen Azubis bis zur CD, die im Tonstudio mit der gesamten Belegschaft aufgenommen wird, bei Darré geht es nicht nur um den fachorientierten Ansatz, sondern immer auch um Emotionen.

Dem Geschäftsführer ging es darum, nicht nur den eigenen Laden, sondern auch den gesamten städtischen Handel im Blick zu behalten. Insofern ist es folgerichtig, dass Vieth sich als Prüfer bei der IHK und lange Zeit an führender Stelle – davon einige Jahre als Vorsitzender – im Arbeitskreis Handel engagiert hat. Als »Pioniere, die sich das Wohl des Innenstadthandels auf die Fahnen geschrieben hatten«, bezeichnet er die Gruppe um den damaligen Karstadt-Chef Wilfried Behrens, die zu vielen Themen klar Stellung bezogen hat. Die Aktivitäten reichen von der Einführung des Krämermarktes, an der er maßgeblich beteiligt war, bis zum Protestmarsch des Handels vor das Gießener Rathaus, um die Mall am Oswaldsgarten zu verhindern. »Heute sieht man, dass wir damals recht hatten«, sagt Vieth in der Retrospektive. Mit Behrens, ohne dessen Einsatz »viele Dinge im Gießener Handel nicht realisiert worden wären«, verbindet ihn noch heute eine vertrauensvolle Freundschaft. Zu seinem Engagement gehören viele Jahre als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht. Er war mehr als 35 Jahre Prüfer in der IHK, wofür er vor Kurzem in Bad Salzhausen geehrt wurde. 2005 erhielt er zudem den Landesehrenbrief. Vieth blickt zurück auf eine »wunderbare Zeit im Schuhhaus Darré«, die 2005 mit einer »großen Feier und viel Wertschätzung« zu Ende ging. Normalerweise ist mit 66 Jahren auch beruflich Schluss. Für Vieth begannen damals drei Monate, die er heute als »Suchphase« bezeichnet. Radeln, Laufen, Lesen, Klavierspiel – er hatte viel Zeit, sich seinen Hobbys zu widmen. Am Ende des Vierteljahres stand zum einen die Erkenntnis, »dass da noch was passieren muss« und zum anderen der klare Wunsch, »etwas mit Menschen für Menschen zu tun«.

Eine Hospitanz bei der Lebenshilfe in Pohlheim beendete er schnell – »das ging mir zu sehr unter die Haut«. Doch der Oberbegriff Lebenshilfe sollte ihn ans Ziel führen. Irgendwann rief Dr. Fedor Weiser vom Institut für Berufs- und Sozialpädagogik an. Man merkte bald, dass die Zusammenarbeit für alle ein großer Gewinn ist. Vieth nutzt seine Erfahrung und unterstützt Frauen, die nach Eltern- oder Erziehungszeit zurück in den Beruf wollen. »Das macht mir sehr viel Spaß«, sagt der Mann, der im April 80 Jahre alt wird und seit 13 Jahren wieder glücklich verheiratet ist. »Früher habe ich die Fragen gestellt, heute bereite ich Menschen auf solche Gespräche vor«, beschreibt er seinen Rollenwechsel, bei dem er von seiner jahrzehntelangen Erfahrung im Personalwesen profitiert. »Wir schätzen seine Art, wie er Menschen begeistern kann«, sagt Weiser als Pädagogischer Leiter. Vieth strahle eine »große Seriosität gepaart mit ansteckendem Humor aus.« Weiser: »Ein Mensch mit großer Persönlichkeit«.

Ein Ende der Mitarbeit im IBS ist für Vieth nicht in Sicht. »Alles was ich tue, mache ich entweder gerne – oder ich lasse es sein«, verrät der Mann, der auch mit knapp 80 Jahren hoch motiviert an seine Aufgaben herangeht. Angst davor, dass er den richtigen Zeitpunkt für den Absprung verpasst, hat er nicht. »Ich habe Kollegen, die mir durch ihr Verhalten signalisieren würden, wenn es reicht«, sagt Vieth. »Im Moment gibt es dafür keine Anhaltspunkte.«

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