23. November 2017, 14:00 Uhr

Medizinfortschritt

Todesurteil revidiert

Ein Tumor im Bauchfell? Vor 20 Jahren war das ein Todesurteil. Doch die Medizin hat Fortschritte gemacht. Die Gießener Uniklinik ist auf diesem Gebiet Vorreiter. Ein Glücksfall für Thomas Steinel.
23. November 2017, 14:00 Uhr
Thomas Steinel hat den Krebs dank des neuen Verfahrens überlebt. Trotz der Beeinträchtigungen kann er heute wieder lachen. (Foto: Schepp)

Thomas Steinel liegt auf dem Massagetisch. Die Masseurin bearbeitet seinen Rücken. Doch statt der Schultern schmerzt ihm vor allem sein Oberbauch. Als er später zu seiner Hausärztin geht, vermutet sie ein Gallenleiden. Doch das ist es nicht. Einen Monat lang wird er im Krankenhaus von oben bis unten durchgecheckt. Dann steht fest: Steinel hat Metastasen im Bauchfell. Krebs. »Die Ärztin hat meiner Frau gesagt, dass ich keine Chance hätte«, erinnert sich der 58-Jährige. Dann wurde er in die Gießener Uniklinik verlegt. Dass er heute lebt, hat er den dortigen Medizinern zu verdanken.

Mit ihnen sitzt Steinel an diesem Vormittag am Tisch. Die Uniklinik hat eingeladen, um zum einen auf den nahenden Tag der offenen Tür hinzuweisen (siehe Kasten), zum anderen, weil die Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie kürzlich als Kompetenzzentrum für die Chirurgie von bösartigen Erkrankungen des Peritoneums, also des Bauchfells, zertifiziert worden ist. »Damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal in der Region«, sagt Klinikdirektor Prof. Winfried Padberg. Die Auszeichnung hat die Klinik erhalten, weil sie seit Jahren nicht nur moderne chirurgische Techniken einsetzt, sondern auch im Bereich der Medizin neue Wege geht. Individueller Therapieansatz heißt das Stichwort. Dabei werden die Medikamente im Gegensatz zur Dampfhammermethode Chemotherapie individuell auf jeden einzelnen Patienten abgestimmt. Oder, wie es Padberg formuliert: »Wir wählen den Hammer nach der Größe des Nagels aus.«

 

Spülung tötet kleinste Metastasen

 

Der individualisierte Therapieeinsatz, der inzwischen bei vielen Krebserkrankungen angewendet wird, ist aber nicht die einzige Neuerung bei der Behandlung von Tumoren im Bauchfell. Dr. Rüdiger Hörbelt, der Sektionsleiter der Tumorchirurgie, spricht von einem neuen, »radikalen Therapieansatz«. Bei der sogenannten Hipec-Methode werden nicht nur die sichtbaren Metastasen chirurgisch entfernt, sondern auch die Knötchen, die für das Skalpell zu klein sind. Und zwar durch eine Spülung der Bauchhöhle mit einer erwärmten Chemotherapie-Lösung. Dafür ist der Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine erforderlich, weshalb auch Kardiotechniker Johannes Gehron am Tisch Platz genommen hat. »Die Flüssigkeit wird auf 42, 43 Grad erhitzt und dann ins Bauchfell gegeben. Durch die Erwärmung wirkt das Medikament zelltoxischer und tötet auch die kleinsten Knötchen ab.« Ein äußerst effektives Verfahren, fügt Hörbelt an. »Bis vor 10, 20 Jahren kam bei bösartigen Tumorerkrankungen des Bauchfells nur eine palliative Therapie in Frage. Es gab keine Chance auf Heilung.« Heute stünden die Überlebenschancen bei 40 bis 80 Prozent. Sowohl bei Metastasen, die durch eine Streuung zum Beispiel aus dem Dickdarm in das Bauchfell gelangt sind, als auch bei einem primären Befall. »Wir haben mit diesem Verfahren inzwischen über 100 Menschen operiert«, sagt Hörbelt. »Und das sehr erfolgreich.«

 

»Die Therapie war hart«

 

Einer dieser Patienten ist Steinel. Er ist heilfroh über die neue Methode, außerdem lobt er die Ärzte und Pfleger der Station in den höchsten Tönen. Der 58-Jährige will aber auch nichts beschönigen. »Die Therapie war hart.« So hart, dass er zwischenzeitlich nicht mehr weiterleben wollte.

Es ist jetzt zweieinhalb Jahre her, dass Steinel die Operation über sich ergehen lassen musste. Zwölf Stunden lag er auf dem OP-Tisch. Da die Metastasen zurückkehrten, musste er erneut unters Messer. Um dem Krebs keine neue Angriffsfläche zu bieten, wurden dem Biebertaler in den beiden Operationen nicht nur das Bauchfell, sondern auch weitere Organe entnommen.

 

Unvorstellbare Qualen

 

Die Genesung verlief alles andere als reibungslos. Wegen seiner Diabetes heilten die riesigen Wunden am Bauch nicht. Und als dann sein Darminhalt am falschen Ende herauskam, waren seine Lebensgeister vollends erloschen. »Ich wollte nicht mehr leben.«

Doch Steinel hat die Qualen überstanden. Aber auch heute noch machen ihm die Folgen der Tumorerkrankung zu schaffen. Seine Leistungsfähigkeit hat nachgelassen, ein Dutzend Toilettengänge pro Tag sind keine Seltenheit.

Zwei mal lag Steinel auf dem OP-Tisch. Neun Monate musste er im Krankenhaus verbringen. Er hat keine Milz mehr, ein Stück der Leber fehlt, der Dickdarm ist statt eineinhalb Metern nur noch 20 Zentimeter lang. Und trotzdem kann der Biebertaler wieder lachen. »Denn ohne das neue Verfahren wäre ich heute nicht mehr am Leben.«

Am Samstag

Tag der offenen Tür

Am Samstag, 25. November, will sich das onkologische Zentrum der Uni-Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie bei einem Tag der offenen Tür vorstellen. Zwischen 10 und 14 werden Experten im Hörsaal der Chirurgie Vorträge zu den Themen »Kinder und Krebs«, »Moderne Operationsverfahren bei Lungenkrebs«, »Vorsorge und endoskopische Therapie des Dickdarmkrebses« sowie »Was tun bei fortgeschrittenem Tumorleiden – HIPEC« halten. Zudem können sich Interessierte im Foyer an Ständen informieren, sich bei den Experten eine Zweitmeinung einholen oder aber ein Check-Up durchführen lassen, also einen Ultraschall von Schilddrüse, Leber und Gallenblase.

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