30. Mai 2019, 18:57 Uhr

Mensch, Gießen

Thomas Euler ist das rote Herz von Allendorf

Ortsvorsteher? Thomas Euler ist eher der Ortsversteher von Allendorf. Der 55-Jährige kennt sein Heimatdorf wie kaum ein Zweiter. Ein Porträt.
30. Mai 2019, 18:57 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Thomas Euler ist seit 22 Jahren Ortsvorsteher von Allendorf. Ob er weitermacht, ist ungewiss. (Foto: Schepp)

Thomas Euler lässt den Blick durch sein Arbeitszimmer schweifen. Er schaut in die Gesichter von Willy Brandt, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder und Frank-Walter Steinmeier. Dann schlägt der 55-Jährige die Hände vors Gesicht. Fast könnte man meinen, Euler schäme sich beim Anblick der sozialdemokratischen Koryphäen. Kein Wunder: Es ist Montag, der Tag nach der Europawahl, und die SPD hat das schlechteste Ergebnis ihrer traditionsreichen Geschichte eingefahren. »Es ist wirklich traurig«, sagt Euler, »das geht an die Existenz«. Trotzdem kann der Allendorfer Ortsvorsteher schnell wieder lächeln. Denn die Sozialdemokratie bedeutet ihm zwar viel, sie ist aber nicht alles in seinem Leben.

Euler wohnt schon sein ganzes Leben lang in Allendorf. Genauso wie seine Vorfahren. »Ich kann meine Ahnen bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Ich habe also Gene der Ureinwohner.« Nach der Grundschule machte er auf der Brüder-Grimm-Schule in Kleinlinden seine Mittlere Reife, anschließend setzte er auf der Liebigschule das Abitur obendrauf. »Ich wollte eigentlich Bauingenieurswesen studieren. Mein Traum war es, Städteplaner zu werden. Meine Umgebung gestalten.« Doch nach dem Wehrdienst änderten sich seine Pläne. Seinerzeit sei die Auftragslage auf dem Bau sehr schlecht gewesen, zudem habe es viel Konkurrenz gegeben. »Die Zukunftschancen waren bescheiden. Also habe ich eine Lehre als Verwaltungsfachangestellter beim Kreisausschuss des Landkreises begonnen.« Bis heute ist er seinem Arbeitgeber treu geblieben. Er hat sich hochgearbeitet, unzählige Fortbildungen absolviert und an etlichen Verwaltungsreformprozessen und kommunalrechtlichen Schriften mitgearbeitet. Seit einigen Jahren ist er Leiter der Stabsstelle Kreisgremien und Öffentlichkeitsarbeit.

Verwaltung als Leidenschaft

Es gibt wenige Menschen, die die Worte Verwaltung und Leidenschaft in einem Satz unterbringen. Bei Euler ist das so. »Verwaltung ist nicht langweilig«, betont er, »man muss sie nur lebendig gestalten.« Bei seinen Dozententätigkeiten - der Allendorfer unterrichtet unter anderem Azubis - lege er darauf besonderen Wert.

In seinem Büro im Erdgeschoss des Allendorfer Wohnhauses stapeln sich daher Gesetzestexte und verwaltungsrechtliche Schriften. Zum Teil auch Originale aus längst vergangenen Zeiten. »Geschichte ist eine große Leidenschaft von mir«, sagt Euler und fischt einen Gesetzestext aus dem Regal. Er stammt aus dem Jahr 1914, das den Beginn des Ersten Weltkriegs einläuten sollte. Zeugnisse aus der Weimarer Republik und der Nazizeit gehören ebenfalls zu seiner Sammlung. »Als ich jung war, habe ich gedacht, die Geschichte ist mit der Gründung der Bundesrepublik abgeschlossen. Heute weiß ich: Es passiert viel mehr als früher. Man ist ständig dabei, Geschichte zu schreiben.« Und aus ihr zu lernen. Euler sagt, die Fehler früherer Generationen erleichterten Entscheidungen, welchen Weg man heute einschlagen solle - oder eben nicht. »Ein Blick in die Historie zeigt auch, wie Fanatismus dazu führt, die Ethik zu vergessen.«

Euler interessiert sich für die Weltgeschichte genauso wie für die Historie seines Heimatdorfs. Und manchmal trifft beides aufeinander. Euler kann stundenlang über die Jagd der schlesischen Armee auf Napoleon aus dem Jahre 1813 referieren. »1000 Soldaten wurden damals in Allendorf einquartiert, während Feldmarschall Blücher in Gießen im Hotel residierte.«

Mit dem Moped ins Hard-Rock

Es gibt viele Gründe, die Euler einen Geschichtsversessenen haben werden lassen. Zum Beispiel sein Lehrer in der Mittelstufe, Manfred Blechschmidt, heute Ehrenvorsitzender des Oberhessischen Geschichtsvereins. Natürlich die prägende Zeit in den 70er und 80er Jahren, in denen Euler aufgewachsen ist. »Man konnte die Freiheit förmlich spüren«, sagt der Allendorfer und meint damit nicht nur die Politik. Euler erinnert sich gerne daran, wie er mit dem Moped nach Langgöns ins Hard Rock fuhr oder in Gießen die Kneipen unsicher machte. Die Nähe des kleines Dorfes zur großen Stadt sorgte auch dafür, dass er niemals wegzog. »Hier fährt alle 15 Minuten ein Bus in die Stadt. Man hat alle Annehmlichkeiten Gießens und lebt trotzdem ruhig und im Grünen.« Seine Frau, die er einst auf der Arbeit kennengelernt hat, und die beiden Kinder wissen das ebenfalls zu schätzen. Die Tochter studiert zwar in Gießen, lebt aber trotzdem noch in Allendorf. Und der Sohn, der bei SAP seinen Master macht, besucht ebenfalls regelmäßig die alte Heimat.

Manchmal muss man aber auch gar nicht in die weite Welt, manchmal kommt sie auch zu einem. 1981, Euler war gerade 16, besuchte Willy Brandt das beschauliche Dorf. Noch heute leuchten Eulers Augen, wenn er daran denkt. »Man konnte richtig spüren, was für eine Aura ihn umgibt.« Die Begeisterung für den einstigen Regierungschef, aber auch für dessen Nachfolger Helmut Schmidt, war auch ein Grund, warum Euler in die örtliche SPD eintrat. Seit 1985 ist er nun schon Mitglied, viele Jahre lang war er Ortsvereinsvorsitzender, in der Stadtverordnetenversammlung saß er auch, seit 1997 ist er zudem Ortsvorsteher.

Euler schmunzelt: »Ich bin also doch noch Stadtplaner geworden. Und das sogar auf der Bestimmerseite.« Zwar hat der Ortsbeirat offiziell lediglich eine beratene Funktion, in der Realität sähe das aber oft anders aus. »Das neue Wohngebiet oben am Ortseingang haben wir zum Beispiel aktiv mitgestaltet«, sagt der 55-Jährige. Die Rolle des Dorfbürgermeisters füllt er daher nur allzu gerne aus. »Die menschliche Komponente ist dabei ganz wichtig. Man ist mehr als der Vorsitzende des Ortsbeirats.« Vor allem die Vermittlung bei Konflikten sei ein wichtiger Aspekt. Aber das gelingt nicht immer.

Lügen haben weh getan

Die Geschehnisse rund um das geplante barrierefreie Wohnen sind an Euler nicht schadlos vorübergegangen. »Das war ein Tiefpunkt«, betont der Ortsvorsteher. Es geht um ein von der SPD initiiertes Projekt, das Wohnraum für Senioren schaffen soll. Einige Allendorfer wehren sich aber gegen diese Pläne. Es geht um Hochwassergefahr, den Verlust von Grünflächen und eine Zunahme des Verkehrs.

»Einige Anlieger haben dann Unterschriften gesammelt und dabei Unwahrheiten verbreitet. Zum Beispiel, dass ich einen wirtschaftlichen Vorteil durch das Projekt hätte.« Euler räumt ein, dass ihn dieses »unsachliche Vorgehen«, wie er es nennt, schwer getroffen habe. »Die ganzen Lügen haben sehr wehgetan.« Vor einem halben Jahr äußerte er daher öffentlich Zweifel, noch einmal für den Posten des Ortsvorstehers kandidieren zu wollen. »Aber dann habe ich so viele positive Rückmeldungen erhalten, dass ich tatsächlich überlege, 2021 noch einmal anzutreten.«

Viele Allendorfer würden das begrüßen. Und auch Euler selbst kann sich ein Leben ohne dieses Amt wohl nur sehr schwer vorstellen. Schließlich will der 55-Jährige weiterhin seine Umgebung aktiv mitentwickeln. Denn, das wusste schon der große Sozialdemokrat Willy Brandt: »Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.«



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