22. Mai 2011, 21:05 Uhr

Theatermaschine macht mobil

»Frischer Schnee aus olln Wolken« und mehr: Die Theatermaschine präsentiert bei ihrer Werkschau 30 Arbeiten an Spielorten in der ganzen Stadt.
22. Mai 2011, 21:05 Uhr
»Politisch reden« kann Matthias Jochmann.

Die Theatermaschine läuft weiter, doch das Festival ist vorbei. Fünf Tage lang haben die Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaft in einer offenen Werkschau ihre aktuellen Projekte vorgeführt und zur Diskussion gestellt. Dafür ist die Theatermaschine vor allem da: zum Ausprobieren, zum Prüfen. Gezeigt wurden 30 Arbeiten an verschiedenen Spielorten in ganz Gießen.

Professor Helga Finter sagte, der Werkstattcharakter des Festivals habe zugenommen. Nach dem Eindruck von Professor Heiner Goebbels gab es diesmal besonders starke »Zusammenhang stiftende Momente«, etwa die familiäre Inszenierung der Institutsflure, wo vormittags die Kritikgespräche stattfanden. Nicht zuletzt zeigte er sich auch von der organisatorischen Leistung beeindruckt, die traditionsgemäß den Erstsemestern oblag.

Auf die Qualität einzelner Darbietungen will der Institutsleiter rückblickend nicht detailliert eingehen, da die Maschine für solch »kritischen Druck« nicht ausgelegt sei. Manches habe er erfreut als Weiterentwicklung älterer Arbeiten wiedererkannt, anderes habe ihn vollkommen überrascht, wenn auch nicht immer überzeugt. Doch eben diese Erfahrung hatte er einst auch mit der Performancegruppe MonsterTruck gemacht, die am Gießener Institut mit einer ungewohnten Trash-Ästhetik begonnen hatte, ehe sich ihre starke Bildsprache auch außerhalb der Institutsräume etablierte.

»Lokomotion«, »Pajechali«, »Ohne Worte« oder »Experiments with Gravity« hießen unter anderem die Titel von Performances, Hörstücken, Installationen oder auch Quasi-Installationen, bei denen die Akteure fast regungslos einem Hörspiel lauschten, die Bühne manchmal auch ein Innenhof war, eine herkömmliche Bühne aber zumeist gar nicht existierte; stattdessen stand man im Kunstkiosk knöcheltief im Wasser, kletterte in der Hammstraße in einen Wohnzimmerautomaten oder traf sich abends um halb elf in einer Privatwohnung in der Grünberger Straße, um einen voyeuristischen Termin wahrzunehmen, kurz: Man fand sich in recht seltsamen Situationen. Situationen, die mit Repertoiretheater freilich wenig zu tun hatten, wohl aber mit den affirmativen Erwartungshaltungen, die es gelehrt hat. Denn im postdramatischen Theater werden sie allesamt lustvoll durchbrochen.

So wusste man oft nicht, ob eine Vorführung nun schon begonnen hat oder gar schon zu Ende ist und inwiefern der Zufall in die Inszenierung mit hineinspielte. Entgegen der formalistischen Tendenzen, deren Unbestimmtheit sich während der Inszenierungsgespräche auch im notorischen »vielleicht« und »so ein bisschen« des Theatersprech äußerten, überraschten jedoch einige Darbietungen auch mit politischen Inhalten.

Während einem dieser Kritikgespräche kommentierte dies eine Studentin mit den Worten: »Ich fand es gut, dass ihr mal nicht das Theater im Theater thematisiert habt, sondern euch mit einem politischen Thema auseinandersetzt. Das fehlt mir hier so ein bisschen.«

Auffallend war zudem das Nichtvorhandensein offenkundiger Aggressionen, was nicht heißen soll, dass man Geschrei, Blutorgien oder sonstige Sauereien vermisst hätte. Davon abgesehen bot die Theatermaschine ein vielfältiges Spektrum ästhetischer Vorschläge. Und manchmal erinnerten die Stücke auch an ein vertrautes Theatererlebnis, wie in dem Bühnenstück »Frischer Schnee aus olln Wolken«, in dem die Studierenden entgegen der weitaus häufigeren Versuchsanordnungen und Experimente mit furioser Spielweise überzeugten. Auch Selbstironie hatte ihren Platz. Am Ende sagte eine der drei Protagonistinnen: »Ich hab mal in einem Stück gespielt, das fing ganz genauso an, da wurde auch fast dasselbe gesagt, aber da ging es um was komplett anderes.« mlu

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