23. April 2012, 13:08 Uhr

Theater GegenStand mit Pinter auf der Kleinen Bühne

Das Marburger Theater GegenStand brachte Harold Pinters »Der Liebhaber« als aufreibendes Kammerspiel auf die Kleine Bühne in der Bleichstraße.
23. April 2012, 13:08 Uhr
Zerrüttung und Begierde hinter verschlossenen Jalousien: Magdalena Kaim (Sarah) und René Rösler (Richard). (mkg)

Die Kleine Bühne in der Bleichstraße am Freitagabend – ein gutsituiertes Paar, kinderlos, irgendwo in seiner Vorstadtwohnung mit schmucklosem Interieur. Sie sehen sich bei Sonnenaufgang und am Abend. Szenen einer Liebe, die nach zehn Jahren in die Jahre gekommen ist – so scheint es. Richard geht im Laufe des Tages einer ernsten Arbeit nach. Sarah verbringt die Zeit mit einem Liebhaber – zumeist Zuhause. Richard weiß davon und kehrt deshalb nie zu früh in die gemeinsame Wohnung zurück. Aber auch er hat eine Liaison mit einer Hure – zumindest angeblich. Auch sie weiß davon.

Schon diese Stückskizze hält genügend Stoff für ein herkömmliches Bühnenstück bereit. Doch was der 2008 verstorbene Nobelpreisträger Harold Pinter mit »Der Liebhaber« (Uraufführung 1963) hinterlassen hat, ist mehr als ein Beziehungsdrama mit einem moralisierenden Aufarbeitungsplot. Sein bizarres Zweipersonenstück ist eine Parabel für den Verlust an Nähe und die Schizophrenie im zwischenmenschlichen Mit-
einander. Wo zwischen Richard und Sarah authentische Lust und Leidenschaften sein sollte, spulen sich nur noch Phrasen und Alltagsrituale ab. Beide können sich mit der Sprache nicht mehr habhaft werden und bleiben einander, wie sich selbst, wohlbekannte Fremde. Das ist Literatur und Theater, das neuralgische Punkte berührt und sich mit der Schuldfrage nicht lange aufhält. Das Marburger Theater GegenStand hat »Der Liebhaber« exzellent auf die Bühne gebracht; mit einer Intensität und Klarheit, die nicht genug gelobt werden kann. Peter Gerst – Regisseur und Dramaturg – hat sich in die Pintersche Partitur des Leidens und der Leidenschaft hineingearbeitet. Mit Magdalena Kaim (Sarah) und René Rösler (Richard) hat er die Kleine Bühne zu einer Blackbox gemacht, in der man nicht mehr weiß, wo das Spiel im Spiel beginnt. Bis zum Ende bleibt die Frage unbeantwortet, ob es einen Liebhaber gibt und ob er nicht tatsächlich auch Richard sein könnte.

Kaim und Rösler sind vor allem dann großartig, wenn sie die intensive Stille auf sich wirken lassen. Es ist gerade diese beredete Lautlosigkeit, die eine unwirkliche Stimmung erzeugt und viel über die Beziehung von Richard und Sarah auch ohne Worte erzählen kann. Überhaupt sind Pathos und Rhythmus mit viel theatralem Geschick und Feingefühl inszeniert: Gleich ob Sarah sich ihrem erotischen Verlangen mit Liebhaber Max hingibt, oder Richard mit betonter Lässigkeit seine Zerbrechlichkeit überspielt – es bleibt bei einer feinsinnigen Figurzeichnung, die im Wechselbad der Gefühle dem Paar seine Würde lässt.

Ein Kammerspiel, das es in sich hat – bei der Gießener Premiere fehlte nur das Publikum. Weitere Vorstellungen am 4. und 5. Mai um 20 Uhr auf der Kleinen Bühne. mkg

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