13. Mai 2017, 18:15 Uhr

Terrorismus und Poesie

13. Mai 2017, 18:15 Uhr
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Von Doris Wirkner
Ingeborg Gleichauf (Foto: Picasa)

Sie habe schon immer einen »totalitären Charakter« gehabt, sagt viele Jahre nach deren Tod die Mutter von RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, um die Entwicklung ihrer Tochter zu erklären. Als strenge Pastorentochter galt diese vielen bislang, doch was Ingeborg Gleichauf in den Texten der jungen Frau fand, zeigt ein anderes Bild. »Gewalt und Poesie« ist der Titel der gerade erschienen Biografie, aus der Gleichauf am Donnerstagabend auf Einladung des Literarischen Zentrums im Rathaus las. Heidrun Helwig moderierte die Veranstaltung.

Neben Andreas Baader und Ulrike Meinhof war Ensslin, als Mitbegründerin und eines der führenden Mitglieder der Rote Armee Fraktion, vermeintlich nicht so dominant wie Baader oder intellektuell wie Meinhof. Die plakativen Zuschreibungen, im Rückblick entwickelt, motivierten Gleichauf, hinter die Stereotype zu blicken. »Sie selbst sprechen zu lassen« war Anliegen der Germanistin. In Handschriften, Briefen und vor allem den bislang nicht zugänglichen Texten der Studienstiftung des deutschen Volkes, deren Stipendiatin Ensslin war, zeigt sich ein weit vielschichtigeres Bild.

Als eines von sieben Kindern wächst Ensslin im schwäbischen Tuttling auf. Doch was die Mutter später als »totalitär« beschreibt, zeigt sich der Biografin als »wissensdurstige und leistungsorientierte Schülerin«, als hübsches, sportliches und intelligentes Mädchen, das bewundert wird. Und in den Texten der jungen Frau, die etwa vom Schüleraustausch und Auslandsaufenthalten schreibt, wird eine bemerkenswert poetisch begabte Person sichtbar, die bewusst mit Sprache arbeitete, so Gleichauf.

Doch bereits beim ersten Aufenthalt im Ausland wird auch eine feine Wahrnehmung der Wirklichkeit deutlich. In einem Artikel für die Schülerzeitung etwa hinterfragt sie den amerikanischen Schulalltag, der von nutzlosen Äußerlichkeiten geprägt sei. Auch in Fotos eines Schulkameraden, so Gleichauf, komme eine hübsche Frau mit großer Aufgeschlossenheit zu Tage. Ein Bild, das dem der strengen und biederen Pfarrtochter zutiefst widerspricht.

Widersprüchlich sei ihr weiterer Lebensweg gewesen, so die Biographin, zwischen dem Mann und Vater ihres Sohnes, dessen Vater Nazi-Dichter war, und der schillernden Persönlichkeit Baaders. Als Ensslin Mitte der 60er Jahre aus Tübingen nach Berlin geht, sei dies ein weiterer Sprung in eine Distanzierung vom familialen Umfeld gewesen. Berichte für die Studienstiftung belegen Ensslins differenzierten Blick für die Gesellschaft, ihre Widersprüche und Brüchigkeit. Sie verlässt Bernward Vesper, um mit Baader in ein völlig anderes Leben zu schliddern.

Am 2. April 1968 verübte das Paar Anschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser. Das erste Verbrechen, das Baader und Ensslin gemeinsam begehen, und das erste, für das sie gemeinsam vor Gericht stehen. Gleichauf sieht in den medienwirksamen Bildern, die die beiden auch mit ihrem Hang zum Rollenspiel schaffen, Anklänge an die Theater-, Literatur und Filmleidenschaft der jungen Frau. So macht die Autorin aus der Lebenslinie von der Pastorentochter zur Terroristin, eine neue auf, die von der klugen, gesellschaftlichen Analytikerin und Poetin zur gewaltbereiten Ideologin, die sie in die zeitgeschichtlichen Stimmungslage einbettet.

Im Publikum, darunter zahlreiche Zeitzeugen, wird heftig über die Wahrnehmung des Wegs der jungen Frau in die RAF diskutiert. Erklären könne und wolle auch sie diese Entwicklung nicht, so Gleichauf. Geprägt von Brüchen sieht sie Ensslins Entwicklung nicht, sondern von »Sprüngen«, die von der Erkenntnis, dass nur Handeln die Gesellschaft verändere, bis zur Begegnung mit Baader reichten und von denen es irgendwann »kein Zurück mehr gab.« (Foto: dw)



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