14. September 2017, 20:23 Uhr

Teppiche und Kunst heute

Teppiche in der Kunsthalle? Gibt’s dort neuerdings einen Flohmarkt? Nein, aber es gibt Kunst aus Teppichen. Auf welche Weise sich sieben Künstlerinnen mit dem Thema Orientteppich und Ornamente beschäftigen, das ist ab heute Abend zu erleben.
14. September 2017, 20:23 Uhr
Noemi Kiss, Nadia Ismail, Simone Maiwald, Simone Scholten und Farkhondeh Shahroudi (v.l.) vor dem Wandbild von Pauline Kranels. (Foto: dkl)

Jetzt kommen wir auf den Teppich zurück«, lautet das Statement der Ausstellungsmacherin Simone Scholten. Sie spielt mit dem Hintersinn dieses Ausspruchs und meint es doch ganz konkret. Seit Längerem beschäftigt sie sich mit dem Thema Ornament und stieß dabei unweigerlich auf den Teppich.

Die Wertschätzung von Orientteppichen in der westlichen Welt reicht weit zurück. Kostbare Materialien, die Leuchtkraft der Farben und die Ornamente faszinierten seit dem 8. Jahrhundert. Für bildende Künstler war der Teppich über die Jahrhunderte immer eine Quelle der Inspiration, bis zur klassischen Moderne und nun wieder in der zeitgenössischen Kunst.

Vor allem Künstlerinnen haben ihn für sich entdeckt, so die Beobachtung von Scholten. Sie hat sieben Künstlerinnen eingeladen und das ist für Gießen ein Novum: eine Thema-Ausstellung ausschließlich mit Künstlerinnen. Kulturamtsleiterin Simone Maiwald ist hoch erfreut über die geballte Frauen-Power auch im Organisationsteam. Außerdem wies sie darauf hin, dass es die letzte »Zwischenzeitlich«-Ausstellung mit einer von ihr gewählten Gastkuratorin ist. Die nächste Schau im Januar wird dann von der neuen Kunsthallenkuratorin Nadia Ismail ausgerichtet. »Das Jahresprogramm steht«, versicherte diese beim Pressetermin.

Anwesend waren auch zwei der sieben beteiligten Künstlerinnen: die in Berlin lebende Iranerin Farkhondeh Shahroudi und die in Wien lebende Deutsch-Ungarin Noémi Kiss. Beide hatten bis zuletzt Hand angelegt an den Aufbau ihrer Werke. Die Woche zuvor arbeitete bereits Pauline Kranels in der Kunsthalle, mit tatkräftiger Unterstützung hat sie eine 4,70 Meter hohe Wandbemalung geschaffen, die abstrahierend an Teppichornamente erinnert. Auch Katja Davar aus Düsseldorf hat ihr Kommen zugesagt.

Etabliert im Kunstbetrieb

Die anderen Künstlerinnen haben Termine bei anderen Kunstevents: Anna Fasshauer und Friederike Feldmann in Berlin und Silke Albrecht in Los Angeles bei der Ausrichtung ihrer Solo-Show. Alle Sieben sind etabliert im internationalen Kunstbetrieb, weisen eine lange Reihe von Ausstellungen und Preisen auf, die meisten sind auch in der Lehre tätig.

Farkhondeh Shahroudi (geb. 1962) hat in Teheran Malerei studiert, sich schon damals mit dem Teppichmotiv beschäftigt. Die flächige Malerei sei dann immer räumlicher geworden, letztlich auch das Originalmaterial dazugekommen. Für sie ist das in der Kunsthalle gezeigte Felsen-Arrangement ein Gedicht, das zum Hereinspazieren einlädt. So wie Teppiche bei nomadischen Völkern ein Stück bewegliche Heimat sind.

Neues durch Destruktion

Noémi Kiss (geb. 1969) hat Architektur und Philosophie studiert, und das sehr lange, sodass sie zwischenzeitlich drei Kinder bekam, wie sie erzählt. Danach konnte sie sich einen Bürojob nicht mehr vorstellen und knüpfte an ihre Flohmarktleidenschaft an. Sie ist fasziniert von alten Teppichen mit ihren Gebrauchsspuren, sie schneidet daraus wie fließend wirkende Formen. Durch Destruktion wird Neues und Schönes.

Die Skulpturen stammen von Anna Fasshauer (geb. 1975), die mit wechselnden Materialien ausprobiert wie sich eine abstrakte Skulptur bauen lässt. Was sich unter dem gewickelten Teppich verbirgt, fragt man sich schon kurz vor Beginn des Krimifestivals. Friederike Feldmann (geb. 1962) arbeitet schon lange am Thema Ornamente und Musterungen, ihre gezeigten Arbeiten sind Malerei auf grober Jute mit kleiner Reliefwirkung durch Silikon.

Daneben hängen zwei intensiv farbige Bilder von Silke Albrecht (geb. 1986), die Malerei auf unterschiedlichen Untergründen ausprobiert, darauf Materialen aufbringt und in ihre Collagen gern tagespolitische Kommentare einschließt. Pauline Kraneis‹ (geb. 1970) Wandbemalung wird begleitet von einer Zeichnung, die den Ausgangspunkt ihrer Beschäftigung mit flächendeckender Ornamentik zeigt.

An der äußeren Längswand ziehen zwei großformatige Schwarzweißarbeiten die Aufmerksamkeit an, die Siebdrucke schuf Katja Davar (geb. 1968) eigens für Gießen. Davar hat einen iranischen Vater und ist mit der ornamentalen Kunst des Orients aufgewachsen. Sie interessiert sich für verschiedene Zeichensysteme, die sie aufbricht und neu zusammensetzt. Auch bei ihr entsteht dadurch Neues.

Zu erleben bis 19. November, Rahmenprogramm unter www.kunsthalle-giessen.de.

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