27. Juni 2010, 23:56 Uhr

Tausende feierten am Wochenende »Sturm & Klang«

Gießen (fd). Es war wohl das größte Kulturereignis, das der Gießener Studierendenschaft in den letzten Jahren geboten wurde: Im Rahmen des erstmals veranstalteten »Sturm & Klang«-Festivals sorgten am Wochenende unzählige Ausstellungen, Theatervorführungen und Auftritte von über 50 Bands und DJs - darunter sowohl Nachwuchskapellen aus der Region als auch musikalische Hochkaräter - rund um das Philosophikum II für drei Tage bunter Unterhaltung.
27. Juni 2010, 23:56 Uhr

Gießen (fd). Es war wohl das größte Kulturereignis, das der Gießener Studierendenschaft in den letzten Jahren geboten wurde: Im Rahmen des erstmals veranstalteten »Sturm & Klang«-Festivals sorgten am Wochenende unzählige Ausstellungen, Theatervorführungen und Auftritte von über 50 Bands und DJs - darunter sowohl Nachwuchskapellen aus der Region als auch musikalische Hochkaräter - rund um das Philosophikum II für drei Tage bunter Unterhaltung. Und neben dem Feiern, Staunen und Entspannen blieb auch Zeit für politisches Engagement der etwas anderen Art: Aufgerufen von den Festival-Organisatoren protestierten am Samstagabend rund 500 junge Menschen im Rahmen einer Nachttanzdemo gegen die Bildungspolitik der Landesregierung.

Auf einer Rasenfläche zwischen den Institutsgebäuden dreht sich eine junge Mutter in Strohhut und geblümtem Kleid immer wieder im Kreis und wirbelt ihre kleine Tochter an den Armen durch die Luft. Das Kind quietscht vergnügt. Gleich daneben haben einige Studierende einen kleinen Flohmarkt aufgebaut, auf dem sie Altes und Skurriles anbieten: Die Videokassetten aus den 80er Jahren werden sich dort auch am Abend noch finden, die bunten Wasserpistolen gehen bereits früh weg. Eine Handvoll junger Männer wird sich damit den halben Nachmittag unter brennender Sonne über den Campus jagen, bevor sich die Flächen zwischen den Institutsgebäuden mit zunehmender Stunde füllen: Die Bandnamen auf den drei Bühnen werden prominenter, die Plätze davor werden enger.

Am Freitagabend etwa haben sich rund 1500 Musikliebhaber eingefunden, um die drei hochkarätig besetzten Hauptkonzerte - der einzige Teil des Festivals, für den die Organisatoren Eintrittsgeld verlangten - im Audimax zu sehen: Während Liedermacher Olli Schulz den eher sanfteren Auftakt liefert, wird es mit »Jupiter Jones« und ihrem melodischem Punk schon hitziger im großen Hörsaal. Den Höhepunkt bilden dann »Egotronic«, die mit ihrem teils politischen Elektro-Punk seit einiger Zeit als Deutschlands Rave-Ikonen gefeiert werden. Nach Konzertende wird zwischen den Institutsgebäuden weitergefeiert.

Wie es zur erstmaligen Ausrichtung des »Sturm & Klang«-Festivals kam, ist schnell erzählt: Seit dem Bildungsstreik 2009 gibt es den studentischen »Arbeitskreis Kultur«, dessen Anliegen es nach eigenem Bekunden ist, »der Stadt etwas mehr kulturelles Leben einzuhauchen.« Dort entwickelte sich schnell die Idee, heimischen Musikern und anderen Künstlern im Rahmen eines nicht-kommerziellen Festivals die Möglichkeit zu geben, sich und seine Kunst einem größeren Publikum zu präsentieren. Eine Verbindung mit dem traditionellen AStA-Sommerfest wurde beschlossen, und nach den Wahlen zum Studierendenparlament im Januar dieses Jahres begannen mit Unterstützung durch den Studierendenausschuss die Planungen.

Während sich die Festivalbesucher nun also vor einer der drei Bühnen vergnügen, Ausstellungen oder Vorführungen der »Theatermaschine« besuchen, sind im Hintergrund auch zahlreiche Zelte zu sehen, in denen einige Studierende ihre Nächte verbringen. Erinnerungen an das »Campus-Camp« liegen nahe, wo während des großen Bildungsstreiks 2006 einige Studierende aus Protest gegen die hessische Hochschulpolitik fast 150 Tage vor dem Philosophikum II in Zelten hausten. An einigen Zelten sind Transparente von damals (»Audimax besetzt!«) als zusätzlicher Sonnenschutz angebracht.

Und ganz unpolitisch sollte es letztlich auch beim »Sturm & Klang« nicht zugehen: Am Samstagabend nutzten rund 500 Studierende die von den Organisatoren geplante Konzertpause und eroberten für fast vier Stunden tanzend die Innenstadt. Im Rahmen einer Nachttanzdemo protestierten die Teilnehmer gegen die »drastischen Kürzungen im Bildungsbereich« seitens der hessischen Landesregierung, wie die Veranstalter formulierten. Vom Philosophikum II über den Schiffenberger Weg, Ludwigstraße, Berliner Platz und zurück zog die Demonstration zu treibenden Rhythmen und krachenden Bässen durch die Innenstadt. Mehrere Discjockeys legten unterwegs auf den Ladeflächen von drei begleitenden Lastwagen Platten auf. Die ungewöhnliche Protestform hat in Gießen fast schon Tradition: Bereits 2008 hatte man auf diese Weise gegen Studiengebühren demonstriert, 2009 lautete das Motto dann: »Wir zahlen nicht für eure Krise!« Auf Anfrage der Allgemeinen bestätigte die Polizei, dass die Demonstration friedlich verlaufen sei. Einige Beschwerden von Anwohnern wegen Ruhestörung seien jedoch eingegangen.

Am Sonntag geht das Festival dann sichtlich seinem Ende entgegen: Auf den Wiesen zwischen den Institutsgebäuden übt sich eine Gruppe Kinder am Jonglieren, während sich gleich daneben eine junge Frau daran versucht, über ein zwischen zwei Bäumen gespanntes Seil zu balancieren. Noch bis zum Nachmittag sorgen regionale Bands für den passenden musikalischen Rahmen, bevor es für die Studierenden nach drei Tagen »Sturm & Klang« wieder heißt: Zurück an die Bücher.

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